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Kapelle St. Georg, Neubrandenburg (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Rund einen halben Kilometer westlich vor der Stadt befindet sich St. Georg, eine kleine Kapelle mit einer Gruppe neuzeitlicher Häuser. Hier, auf einer Sandinsel, umgeben von feuchten Niederungen, entstand zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Sichtweite zum Treptower Tor eine kleine Hospitalkapelle, sicherlich auch bereits mit funktional bedingten Nebengebäuden.

Als Namensgeber fungierte der heilige Georg, einer der 14 Nothelfer, der als Schutzheiliger gegen Fieber, Hautkrankheiten, Syphilis, Pest und die Versuchung galt und für den Schutz von Bauern, Rittern, Soldaten und Wanderern zuständig war. Im Mittelalter, insbesondere zur Zeit der Kreuzzüge, entstanden bei vielen Städten derartige Hospitäler und Kapellen, neben der normalen Beherbergung auch zur Aufnahme von Trägern ansteckender Krankheiten, die Teilnehmer der Kreuzzüge nach Europa einschleppten. Die geläufige Bezeichnung Leprosarium oder Leprosenhaus bezeichnet deutlich neben der isolierten Lage vor der Stadt auch diese Funktion. Später werden sicher auch Pestkranke dort Aufnahme gefunden haben.

Zwei weitere Kapellen vor den Toren der Stadt, die Gertraudenkapelle vor dem Stargarder und die Katharinenkapelle vor dem Neuen Tor wurden im 30jährigen Krieg zerstört. Die erste urkundliche Erwähnung fand St. Georg im Jahre 1308, als das benachbarte Prämonstratenserkloster Broda, im Gegenzug für die Stellung eines Priesters für die hiesige Kapelle den Aalfang am Ausfluss des Tollensesees erhielt. Im Umfeld der Kapelle befand sich der Friedhof mit zahlreichen mittelalterlichen Bestattungen.

In nachmittelalterlicher Zeit fungierte sie als Hospital. “Dieses Corpus pium ist von den löblichen Vorfahren für alte abgelebte Bürger und ehrliche Matronen, so der Gottesfurcht und aller Ehrsamkeit ergeben, gestiftet und haben diejenigen, so sich hierinn begeben wollen, vorher bey den Oeconomis und bey dem Oberhaupt der Geistlichkeit sich müssen angeben, und ein gewisses zum Einkauf nach eines jeden Vermögen zum allgemeinen Besten des Stifts und der Kirche erlegen, dabey eine Antritts-Mahlzeit sämtlichen Einwohnern des St. Jürgens auszurichten, und wenn ein Mitglied desselben gestorben, ist sein Vermögen der Stiftung zugefallen (Hacke, S. 24-25).“ Dafür gab es von der Kirchen-Ökonomie zum gemeinschaftlichen Verbrauch jährliche Zuteilungen an Korn, 2 fette Schweine, eine Tonne Butter, einen Zentner Speck, Holzgeld und alle vier Wochen ein „groß Viertel Bier“. Mit den Wirren des 30jährigen Krieges und dem nachfolgenden Konkurs der Stadt brach dieses Versorgungssystem zusammen und die Häuser wie auch die Kapelle verfielen. Erst im 18. Jh. wurden Kapelle und Häuser wiederhergestellt. In der jüngsten Zeit verlor St. Georg durch das Wachstum der Stadt in Richtung Westen weitgehend seine isolierte Insellage. Die Häuser dienten nach der Auflösung des Bürgerhospitalvereins normalen Wohnzwecken.

Die Kapelle entstand zu Beginn des 14. Jahrhunderts als frühgotischer ungewölbter Backsteinbau mit rechteckigem Grundriss von 5,70x10,90 m. Das abgewalmte Dach ist von einem quadratischen Dachreiter in Fachwerk mit einer Rokoko-Laterne als Turmspitze gekrönt. Bereits zur Mitte des 17. Jahrhunderts hatte die Kapelle nachweislich einen hölzernen Turm, die jetzige Form stammt jedoch wahrscheinlich von einer Restaurierung im Jahr 1770. 1994 musste jedoch der baufällige Dachturm der Kapelle durch einen Nachbau ersetzt werden. Damals wurde auch das Innere instand gesetzt.

Die Außenwände der Kapelle sind in der Horizontalen dreifach gegliedert. Auf einem Feldsteinsockel folgt eine Rollschicht und die Sockelhohlkehle. Ungefähr einen Meter darüber verläuft unterhalb der Fenster ein doppeltes Deutsches Band, d.h. zwei Lagen übereckgestellter normalformatiger Backsteine. Über den Fenstern und Blendnischen folgt ein vier Schichten hoher Fries aus Vierpässen. Gleichgeartete Friese umrahmen rechteckig als interessantes Architekturdetail auch das West- und das Nordportal. Derartige Gestaltungselemente sind typisch für die Kreuzfahrerzeit und zeigen stilistisch die Einflüsse der islamischen Baukultur auf die europäische Gotik, tradiert aus dem Orient oder dem maurischen Spanien. Über dem Fries befindet sich das mehrfach profilierte Traufgesims, welches jedoch nachmittelalterlich zu sein scheint.

In der Senkrechten sind die Fassaden durch spitzbogige Fenster und Blendnischen gegliedert. An der Südseite liegen vier, an der Ostseite zwei Fenster mit jeweils zweigeteiltem Maßwerk. An der Nordseite finden sich drei Fenster und zwei zweigeteilte Blendnischen mit Kreis im oberen Spitzbogen. An der Südseite sind zwei Fenster und drei gleichartige Blendnischen angeordnet, von denen die mittlere etwas angehoben ist. Darunter ist eine Segmentbogennische, die ursprünglich eine bildliche Darstellung, sicherlich ein Georgsbildnis, beinhaltete. Die Westseite weist in zwei Blendnischen kleine spitzbogige Fenster auf.

Die beiden Portale an der West- und der Nordseite sind mit Hohlkehlen und Rundstäben mehrfach abgetreppt profiliert und jeweils, wie bereits erwähnt, mit rechteckig geführten Vierpassfriesen gerahmt. Das Nordportal ist aus funktionalen Gründen vermauert. Der Dachstuhl ist als Kehlbalkenstuhl ausgebildet und offensichtlich neuzeitlich, eventuell unter Verwendung einiger älterer Bauteile. Im Dachreiter befindet sich eine kleine Bronzeglocke aus dem Jahre 1882. Eine zweite Glocke, die im Inventar von 1929 noch erwähnt wird, ist leider verschwunden.

Das Innere der Kapelle stellt sich als relativ schlicht gehaltener Saal dar. Die Wände sind durch breite Spitzbogennischen gegliedert. Die Empore im Westen stammt aus neuer Zeit.
In der nordöstlichen Ecke befindet sich ein in den Wandpfeiler eingelassener Hostienschrein aus Eichenholz mit eisernen Beschlägen. Darüber sind bei einer kürzlichen Restaurierung Fragmente von Psalmen zutage getreten, die offenbar aus nachreformatorischer Zeit stammen.
Ähnliche Schriftzeichen schimmern durch den Anstrich im Bogen an der Außenseite des Nordportals.

Im Inneren befindet sich, aufgehängt an einem der Nordfenster, das Detail eines Bleiglasfensters mit einem Jesusbildnis und der Signatur „Michel Lemke Anno 1647“, das sich ursprünglich im rechten Fenster an der Westseite befand.

Von den historischen Ausstattungsstücken ist in der Kapelle ansonsten nichts mehr vorhanden. Der Schnitzaltar aus dem 15. Jahrhundert ist jetzt im Nebenschiff der St. Johanniskirche zu sehen. Zwei Holzschnitzfiguren aus dem 14. bzw. 15. Jahrhundert mit Darstellungen des Heiligen Georg befinden sich im Regionalmuseum. Von dem Grab Christi ist lediglich der corpus erhalten, der in den Gemeinderäumen bei der Johanniskirche aufbewahrt wird. Es wäre wünschenswert, auch diesen wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
 
 

Kapelle St. Georg

Kapelle St. Georg

Flügelaltar in St. Georg

Hostienschrein St. Georg

 
 
 
 

Besonderheiten

Ein interessantes Detail findet sich an der Westwand der Kapelle, rechts neben dem Portal. Es handelt sich hier um eine in den Backstein eingeritzte Sonnenuhr, die auf Grund ihrer Lage lediglich ab dem Nachmittag die Zeit anzeigen konnte.
 
 

Sonnenuhr St. Georg

 
 
 
 

Nutzung

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Gebäudekomplex zu einem Hotel ausgebaut. Leider wurde das älteste Wohnhaus des Ensembles, ein durchaus sanierungsfähiger Fachwerkbau, dendrochronologisch in das Jahr 1757 datiert, im Jahre 1998 abgerissen. Die verbliebene Kapelle dient nur noch sporadisch zu gottesdienstlichen Zwecken, hat aber eine neue Zweckbestimmung als beliebte Traukapelle des städtischen Standesamtes gefunden.
 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Im Jahre 1868 wurde St. Georg durch den Großherzog von Mecklenburg-Strelitz an den Neubrandenburger Bürgerhospitalverein übertragen. Kirchlich gehört er bis heute zur Johanniskirche.
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

 
 
 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

Die Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, I. Band, III. Abteilung, hrsg. von Georg Krüger, Neubrandenburg 1929

G. Baron Hacke auf Bilzingsleben, Geschichte der Vorderstadt Neubrandenburg, Neubrandenburg 1783