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St. Spiritus Hospital, Greifswald (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Im Jahre 1262 - zwölf Jahre nachdem Greifswald das lübische Stadtrecht verliehen wurde, fand das Greifswalder Hospital St. Spiritus seine erste Erwähnung in einer Urkunde des pommerschen Herzogs Wartislaw III. Der Herzog stiftete dem vermutlich bereits bestehenden Hospital eine jährliche Getreidelieferung und bestimmte die Greifswalder Ratsherren zu Verwaltern dieser Einrichtung. Derartige Hospitäler gehörten zur Infrastruktur aller größeren mittelalterlichen Städte. Sie hatten ihren Ursprung zumeist in bürgerlichen Stiftungen und sollten vor allem der Betreuung kranker oder gebrechlicher Mitbewohner dienen.

Bereits um 1330 wird das Hospital in den Norden der Stadt - an die Straße nach Stralsund verlegt. Die Fläche des alten Hospitals (in der Langen Straße 49 und 51) wurde nach dieser Verlagerung wohl weitergenutzt, aber nach der Reformation weitgehend veräußert oder vermietet. Während des Dreißigjährigen Krieges wird das Hospital vor den Toren der Stadt zerstört. Erst nach dieser Zeit kehren die Bewohner an den Ausgangspunkt der Hospitalgeschichte zurück.

Deshalb ist die Fläche des ehemaligen Hospitals in der Greifswalder Altstadt heute auch durch Gebäude geprägt, die im 17. bis 19. Jahrhundert entstanden. So ist die erhaltene Fachwerk-Budenzeile auf dem Hof im mittleren 17. Jahrhundert entstanden – kurz nachdem das Hospital an seinen alten Standort zurückgekehrt war. Das Vorderhaus wurde 1740 unter Einbeziehung eines vorhandenen mittelalterlichen Kellers weitgehend neu errichtet und besaß neben 14 Dreizimmerwohnungen auch einen kleinen Kirchsaal. In den 1770er Jahren wurde die östliche Bebauung aus vier Fachwerkbuden durch eine massive Budenzeile mit sechs Wohnungen ersetzt. 1820 erwirbt das Hospital ein weiteres Grundstück in der Langen Straße 43 und errichtet einen zweigeschossigen Neubau. Kurz danach wird auch das alte Vorderhaus der Hospitalanlage modernisiert. Ein dreigeschossiger Klinkerneubau von 1885 - an Stelle des alten eingeschossigen „Elendenhauses“ und zweier weiterer Buden entstanden - ergänzte das heute vorhandene Hospitalensemble und zeugt vom gestiegenen Platzbedarf der Stiftung.

Neben der neuzeitlichen Hospitalbebauung sind jedoch auch bauliche Reste aus mittelalterlicher Zeit erhalten. Außer dem etwa 720 Jahre alten Keller unter dem Vorderhaus der Langen Straße 49 verdient das Haus auf dem Eckgrundstück Lange Straße 51 besondere Beachtung. In diesem Gebäude, das erst seit 1853 wieder zum Hospital gehört, sind Teile der Hospitalkirche bewahrt geblieben. Durch die archäologisch-bauhistorischen Untersuchungen konnte dessen ursprüngliche Gestalt und Funktion in vielen Details geklärt werden.
Auf dem Eckgrundstück Lange Straße 51 entstand seit den 1280er Jahren eine zweischiffige (20 Meter breite) Backsteinhalle, die drei Joche lang (etwa 30 Meter) und vollständig gewölbt werden sollte. Vermutlich kam dieser Bau um 1296 unter Dach - in diese Zeit datieren einige im Haus wiederverwendete Hölzer eines älteren Dachwerkes. Das Gebäude blieb jedoch ein Torso, da das dritte Joch nicht gebaut und ebenso auf die geplante Einwölbung des Hallenraumes verzichtet wurde. Vermutlich war bereits absehbar, daß der Standort des Hospitals nicht mehr den Notwendigkeiten der dynamisch gewachsenen Stadt entsprach. An einen neuen Standort wurde das Hospital jedoch erst in den 1320er Jahren verlegt.
Vom alten Hallenbau sind die Nord- und die Ostwand sowie zwei ursprünglich freistehende Pfeiler erhalten geblieben. Im Nordosten des Hauses befindet sich ein kleiner kreuzrippen-gewölbter Kellerraum, der vermutlich als Ort des Totengedächtnisses genutzt wurde. An den Wänden und im Gewölbe des Kellers sind Reste mittelalterlicher Ausmalungen erhalten. Erkennbar sind eine sparrenartige Bemalung der Gewölberippen und florale Motive in den Scheiteln der Gewölbekappen.

Ungewöhnlich ist die weitere Nutzungsgeschichte der Backsteinhalle nach der Verlegung des Hospitals an den Stadtrand. Die archäologische Untersuchung konnte nachweisen, daß die Backsteinhalle, obwohl als geweihter Ort ausgewiesen, in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts als ‚Werkhalle’ für eine Buntmetallgießerei genutzt wurde, die vor allem bronzene Dreibeintöpfe (sog. Grapen) herstellte.

Nach dieser Zwischennutzung wurde die Kirche im 15. Jahrhundert wieder für sakrale Zwecke hergerichtet und nun auch als Begräbnisstätte genutzt. Direkt westlich des kleinen kreuzgewölbten Kellers konnten insgesamt acht Bestattungen freigelegt werden, die viel-leicht der Ratsfamilie Bokhold zuzuordnen sind, die im 15. Jahrhundert eine Vikarie in der Kirche unterhielt.

Im Ergebnis der 1535 in Pommern eingeführten Reformation wurden viele nicht mehr benötigte kirchliche Besitzungen verkauft - so vermutlich auch die Hospitalkirche. Wohl um 1565 wurde die Kirchenhalle zu einem Wohnspeicherhaus umgebaut. Durch diesen Umbau entstand ein 19 m langes und 11 m breites Wohnhaus mit einer 5,5 m hohen Erdgeschoßdiele, einer 2,5 m hohen oberen Etage und zwei weiteren Speicherböden im Dachwerk.

Für den Umbau wurde das südliche Kirchenschiff abgebrochen und die Höhe des Gebäudes reduziert. Die zwei alten Kirchenpfeiler band man dabei in die neue bogengegliederte Südwand ein. An der Ostseite entstand ein renaissancezeitlich gestalteter Schaugiebel. Das alte Kirchenportal im Norden wurde umgestaltet und ist in dieser Form bis heute weitgehend erhalten geblieben. Zusätzlich entstand ein zweites Portal zur Langen Straße, das in seinen Formen renaissancezeitlich gestaltet war. Obwohl später beseitigt und zugemauert, blieben seine Spuren an der Außenseite bis heute erkennbar. Das zweite mittelalterliche Portal an der Ostseite wurde zugemauert und existiert in dieser Form bis heute. Im Bereich des abgebrochenen südlichen Schiffes entstanden zwei Seitenflügel.

Die zwei Portale an der Nordseite weisen auf eine eigentumsrechtliche Teilung des Hauses hin. Die ersten bisher ermittelbaren Eigentümer des Grundstückes sind am Ende des 16. Jahrhunderts Antonius Guthardt und Zander Barcklay. Später sind gleichzeitig der Seidenhändler Walter Erskein und Marten Hovet als Eigentümer nachweisbar. Spätestens 1616 scheint sich das gesamte Gebäude im Besitz des Walter Erskein zu befinden und bleibt bis 1679 im Besitz seiner Familie. Die für unsere Region ungewöhnlichen Familiennamen Barcklay und Erskein legen nahe, daß beide schottischer Abstammung waren und nach religiösen Unruhen in der Heimat nach Pommern auswanderten. Von Walter Erskein ist bekannt, daß er Altermann der Schottischen Kompagnie und der Greifswalder Schonenfahrerkompagnie war. In die Zeit Erskeins fällt der Einbau des heute vorhandenen Unterzuges mit den beiden kopfbandverstrebten Hausbäumen die um 1610 nachträglich unter der Dielendecke eingebaut wurden. Eine derartige für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit typischen Holzkonstruktionen in Dielenhäusern ist in Greifswald nur noch in der Langen Straße 51 weitgehend vollständig erhalten.

In der fünfeinhalb Meter hohen Erdgeschoßdiele existierten zunächst nur Stubeneinbauten an den beiden Schmalseiten. Eine dieser Stuben blieb auf der Westseite weitgehend unverändert erhalten. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Haus beschädigt und verfiel. Nach der Zerstörung des St. Spiritus Hospitals vor den Toren der Stadt wohnten 1630/31 nochmals die obdachlos gewordenen Hospitalinsassen in der Langen Straße 51. 1679 wurde das nun stark baufällig gewordene Gebäude, das „seit fast 40 Jahren herrenlos steht“ an den Juristen, Professor und späteren Bürgermeister Dr. Nicolai Michaelißen verkauft. 1747 erwarb der Stralsunder Bäcker David Leverend das Haus und richtete auf der Ostseite eine Bäckerei ein, die bis in die 1970er Jahre existierte.

Um mehr Wohnraum zu gewinnen wurde die hohe Diele seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sukzessive in zwei Etagen unterteilt. Mitte des 19. Jahrhunderts war der heute wieder erlebbare Dielenraum vollständig in zwei Etagen unterteilt. 1853 wurden Haus und Grundstück nach fast 300 Jahren wieder an das Hospital St. Spiritus verkauft. Den östlichen Teil des Erdgeschosses nutzte danach auch weiterhin eine Bäckerei. Andere Räume waren an Handwerker vermietet oder wurden als Wohnräume genutzt. Seit den 1970er Jahren stand das Haus ungenutzt und verfiel.
 
 

Isometrie

Gesamtblick

2003 nach Sanierung

Ostkeller

Ostportal

Grabungsplan

Schnitt

ehemaliger Pfeiler

zweites Nordportal

Innenraum nach Sanierung

Barockes Dachwerk

 
 
 
 

Besonderheiten

Das Haus Lange Straße 51 weist eine sehr ungewöhnliche Hausbiographie auf. Sie reicht von seinen Ursprüngen als mittelalterliche Hospitalkirche - die nie ihre geplante Größe erreichte - über die vorreformatorische Zwischennutzung des geweihten Raumes als Werkhalle einer Bronzegießerei, bis hin zum endgültigen Umbau nach der Reformation zu einem repräsentativen renaissancezeitlichen Wohn- und Speicherhaus. Auch die Wiederaufbau-maßnahmen des späten 17. Jahrhunderts, die in Folge der Beschädigungen im Dreißigjährigen Krieg notwendig waren, sowie Spuren der intensiven Hausnutzung im 18. und 19. Jahrhundert sind bis heute erkennbar. Somit sind an diesem Haus 700 Jahre städtischer Baugeschichte ablesbar geblieben.

Zudem birgt das Gebäude Reste einer Hospitalkirche, die zu den ältesten erhaltenen Hospitalbauten in Mecklenburg und Vorpommern gehört. Außergewöhnlich und selten für einen gotischen Kirchenbau in Norddeutschland ist zudem der kleine kreuzrippengewölbte Kellerraum, der die ältesten bekannten Reste einer Ausmalung in Greifswald zeigt.

Zu den Besonderheiten des Hauses aus nachmittelalterlicher Zeit gehört das hohe Dielengeschoss mit seinen zwei prägenden Hausbäumen. Solche vielfältig genutzten hohen Dielenräume prägten die Gebäudestruktur vieler spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Häuser in den Küstenstädten. Für Greifswald ist dieser Raumcharakter jedoch nur in der Langen Straße 51 erlebbar.
 
 

vorher- nachher

2. OG

 
 
 
 

Nutzung

Die ehemalige Kirche ist heute Teil des Sozio-kulturellen Zentrums St. Spiritus in Greifswald. Die Erdgeschosshalle wird als größter Räumlichkeit des Zentrums für vielfältige Veranstal-tungen (Lesungen, Vorträge, Konzerte) genutzt. Im Obergeschoß befindet sich ein großer Ausstellungsraum.
 
 

Empore nach Sanierung

 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Das Haus ist Eigentum der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald.
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Aufgrund seines schlechten Bauzustandes wurde das Haus bereits in den 1970er Jahren leergezogen und stand seit dieser Zeit ungenutzt und verfiel. Erst im April 1989 erfolgten erste Sicherungsmaßnahmen an der Substanz, die den Einsturz der Innenkonstruktion verhinderten. Neben dem Abbruch des stark verfallenen Seitenflügels hatten diese Maßnahmen jedoch auch die Entkernung des Haupthauses zur Folge. Auch nach 1990 wurden immer wieder substanzsichernde Maßnahmen notwendig, ehe 2001 mit der Sanierung begonnen werden konnte.

Aufbauend auf einer baugeschichtlichen Voruntersuchung sowie einer archäologischen Sondage 1988/1989 folgten in den 1990er Jahren weitere bauhistorische, restauratorische und archäologische Untersuchungen, um von denkmalkundlicher Seite Grundlagen für die geplante Sanierung zu schaffen.

Im Sommer 2001 konnte mit den Bauarbeiten begonnen werden die kontinuierlich durch archäologische und bauhistorische Dokumentationsarbeiten begleitet wurden. Im Frühsommer 2004 wurde das sanierte Haus seiner neuen Bestimmung übergeben.
Der Umstand des bereits entkernten Gebäudeinneren ermöglichte es, durch die Entfernung von Wandresten des 19. Jahrhunderts einen Zustand herzustellen, der sich dem Charakter der ehemals vorhandenen Erdgeschoßdiele annähert. Die vorhandenen Reste der ehemali-gen Ausstattung (barocke Fenster und Haustür, klassizistische Treppenanlage) wurden aufgearbeitet. Zwei archäologische Fenster ermöglichen Einblicke in den Aufbau der mittelalterlichen Kirchenpfeiler und -fenster.

Aus Kostengründen werden die zahlreich an den Wänden nachweisbaren Ausmalungen des 16. bis 19. Jahrhunderts nicht im Raum präsentiert. Sie wurden gesichert und erneut überputzt. Auch die Konservierung der mittelalterlichen Ausmalung des Gewölbekellers konnte bisher nicht ausführt werden.

(Autor: Torsten Rütz)
 
 

Nordseite

Nordseite

 
 
 
 

Heritage Management

Das ehemalige Hospitalgelände ist werktags zwischen 10 und 16 Uhr zu besichtigen, durch die vielfältigen Kurse und Veranstaltungen ist ein Blick auf das Gelände in der regel auch außerhalb dieser Öffnungszeiten möglich.

Die Galerie in der Kapelle ist geöffnet: Mo, Mi, Do 11-16 Uhr; Di 13-18 Uhr; Fr 10-12 Uhr.

Aktuelle Informationen und Termine unter: www.kulturzentrum.greifswald.de
 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

Torsten Rütz: Die „Olde Hilligengeist-Kercke in der Langenstaten“. Ein Überblick zu mittelal-terlichen Baugeschichte der Langen Straße 51 in Greifswald. Greifswalder Beiträge zur Stadtgeschichte, Denkmalpflege, Stadtsanierung. Heft 2, 2004, S. 22 – 31.

Torsten Rütz: Kirche und Krankensaal – Das Heilig-Geist-Hospital in Greifswald. In: H. Jöns, F. Lüth und H. Schäfer (Hg.); Archäologie unter dem Straßenpflaster. 15 Jahre Stadtarchäo-logie in Mecklenburg – Vorpommern. Schwerin 2005, S. 451 – 454.

Torsten Rütz: Von der Kirche zum Wohnhaus. Die nachreformatorische Baugeschichte der Langen Straße 51 in Greifswald. Greifswalder Beiträge zur Stadtgeschichte, Denkmalpflege, Stadtsanierung. Heft 1, 2005, S. 25 – 35