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Marienkirche, Neubrandenburg (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Die Marienkirche oder die Kirche Unserer Lieben Frauen Sankt Marien, wie sie 1298 geweiht wurde, ist nicht nur das höchste und auch schönste Bauwerk der Stadt Neubrandenburg.

Sie hat in ihrer mehr als 750-jährigen Geschichte mit ihrer Stadt alle Höhen und Tiefen der Geschichte durchschritten, durchlebte Zeiten von Glück und Wohlstand aber auch Krieg und Feuer, Not und Zerstörung. Somit war die Geschichte der Marienkirche auch über lange Zeiträume ein Leidensweg. Doch immer wieder waren da der Wille und der Mut der Menschen, das Bauwerk in alter Schönheit wieder erstehen zu lassen. Was ist trotz aller erlittenen Verluste auf uns gekommen?

Ein einzigartiges Denkmal der norddeutschen Backsteingotik und Deutschlands aufregendste Konzertkirche, eine einmalige Synthese altehrwürdiger Backsteinarchitektur mit modernster Material- und Formensprache in Beton, Stahl, Glas und Holz, ein faszinierender Kontrast aus Optik und Akustik, Klang und Raum, Geschichte und Gegenwart:

- 1248 Stadtgründung, kurz darauf Baubeginn
- konzipiert ursprünglich als zweitürmige Feldstein-Basilika während des Baus umdisponiert zu gotischer, dreischiffiger Hallenkirche in Backstein mit geradem Chorabschluss unter teilweiser Einbeziehung vorhandener Bauteile
- 1298 Weihe des Hauptaltars, die ersten vier östlichen Joche fertiggestellt und danach die restlichen 5 Joche und in der 2. Hälfte des 14. Jh. der Turm
- 1523 Reformation in Neubrandenburg. Zu diesem Zeitpunkt gab es 39 Altäre in der Kirche
- 16. und 17. Jh. mehrfache schwere Schäden durch Blitzschlag und Feuer: Gebäude notdürftig wieder hergerichtet.
- 1832-1841 umfassende Restaurierung der Kirche durch F.W. Buttel
- 1945 Zerstörung durch Brandstiftung. Nur Umfassungsmauern und Turmstumpf blieben erhalten.
- 1953 Versuch der Gemeinde, im Kircheninneren eine Notkirche zu errichten scheitert
- 1975 kauft die Stadt Neubrandenburg die Ruine. Es beginnt der Wiederaufbau mit dem Ziel, Konzertsaal und Kunstsammlung im Dachgeschoss einzurichten
- 1983 neues Dach über dem Kirchenschiff und Wiederaufsetzen der Turmspitze
- 1989/90 politische Wende in der DDR, historische Außenhülle und Turm werden fast vollständig unter Leitung des Architekten Josef Walter wiederhergestellt
- 1992-1995 archäologische Untersuchungen (Notbergungen) bei Erdarbeiten im Kirchenschiff
- 1996 Europaweiter Architektenwettbewerb: Sieger Pekka Salminen aus Helsinki und Beginn des Ausbaus zum Konzertsaal
- 2001 Eröffnungskonzert
- 2001/02 Neugestaltung des Marienkirchplatzes
 
 

Die Marienkirche

Innenansicht

Marienkirche nach 1945

Blick auf die Marienkirche

 
 
 
 

Besonderheiten

Für die Marienkirche (Kirche unserer lieben Frauen St. Marien) als städtische Dominante wurde südlich des Marktplatzes an der Stargarder Straße als Magistrale, der die Kirche ihren prächtigen Ostgiebel zuwendet, ein Baublock reserviert. In einer Zeit, als in der Mark Brandenburg und in diesem zugehörigen Stargarder Land noch Feldsteinkirchen im romanisch-gotischen Übergangsstil gebaut wurden, entstand mit der Neubrandenburger Marienkirche ein stilistisch neues Werk, „das ihnen um etwa 70 Jahre voraus ist und den damals neuesten Geist der Gotik in das Kolonialland verpflanzt.“ (Erich Brückner).

Errichtet als dreischiffige, neunjochige Hallenkirche mit geradem Chorabschluss in der Tradition märkischer Langhallen, stellt die Neubrandenburger Marienkirche in ihren Proportionen, vor allem jedoch in ihren Architekturdetails eine eigenständige Rezeption norddeutscher Hallenkirchen dar. Von einzigartigem architekturgeschichtlichen Wert ist diesbezüglich der Ostgiebel der Kirche mit seinem vor die eigentliche Giebelwand vorgeblendeten schleierartigen Maßwerk. Hier wurden Formen der Hausteinarchitektur, zitiert wird diesbezüglich das Straßburger Münster, in Backstein übertragen, womit die Marienkirche eine neue Tradition im Backsteinland begründete. Einzelformen des Giebels finden sich an den prächtig gestalteten Seitenportalen der Kirche aber auch an den berühmten Neubrandenburger Stadttoren wieder. Spätere Bauten wie die Prenzlauer Marienkirche oder die Stettiner Kirchen von Heinrich Brunsberg stehen eindeutig in der Tradition des Neubrandenburger Vorbildes.

Die Restaurierung im 19.Jahrhundert unter F.W.Buttel war eine der frühesten und umfänglichsten in Mecklenburg und stellt zweifellos einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der Denkmalpflege dar. Mit der Neuerrichtung der Fialen am Ostgiebel und vor allem des Turmoktogons mit der schlanken Turmspitze, ausgeführt in gelbem Backstein, stellte Buttel nicht nur Wert und Würde des Monuments wieder her, sondern erhöhte diese noch mit einer als eigenständig zu bezeichnenden Leistung.

Aus diesem Grund wurde nach der Zerstörung des 2. Weltkrieges mit der Wiederherstellung der äußeren Hülle und des Turmes ab 1975 die Buttelsche Fassung zu Grunde gelegt, während auf die Wiederherstellung des dreischiffigen Innenraumes zugunsten einer großen Konzerthalle verzichtet wurde.

Mit dem Abschluss der Sanierung und des Ausbaus zur Konzertkirche in interessantem und spannungsreichem Kontrast zwischen der historischen Backsteinhülle und dem „hineingestellten“ Konzertsaal in modernster Architektursprache und Funktionalität blieb bei allen Verlusten eines der bedeutendsten Baudenkmale der norddeutschen Backsteingotik mit einer dem Denkmal würdigen Nutzung erhalten, das zu Recht die Bezeichnung „aufregendste Konzerthalle Deutschlands“ trägt.
 
 

Grundriss

Ostgiebel 1975

Entwurf

Blick auf die Marienkirche

 
 
 
 

Nutzung

Konzertkirche und Ausstellung „Wege zur
Backsteingotik – In Neubrandenburg zur Wehr und Zier“
 
 

Konzert

 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Eigentümer ist die Stadt Neubrandenburg. Betreiber ist das Veranstaltungszentrum Neubrandenburg GmbH
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Konflikte und deren Lösung:

Die Restaurierung 1832-41 unter der Leitung von Friedrich-Wilhelm Buttel, einem Schinkelschüler war eine der frühesten und umfangreichsten Restaurierungen des 19. Jahrhunderts in Mecklenburg. Ziel war die Wiederherstellung „eines vaterländischen Monumentes“, so Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz, als Ideal einer gotischen Kathedrale. Die wichtigsten Arbeiten waren die Restaurierung des aufgehenden Mauerwerks einschließlich der Gesimse, Fenstermaßwerke und Gewölbe, die Sanierung des Ostgiebels Wiedererrichtung der Fialtürme am Westwerk und Ostgiebel sowie die Neuerrichtung des Oktogons auf dem Westturm in Anlehnung der Formensprache des Ostgiebels mit geschlossenem Spitzhelm.

Die Ausführung des Turmoktogons und der Fialtürme in gelbem Backstein war charakteristisch für die romantische Architektur des 19. Jh. um die auf die Höhenentwicklung der gotischen Architektur gerichtete Tendenz durch die optische Leichtigkeit des Materials zu unterstreichen und auch als Unterscheidungsmerkmal und Referenz an die originale mittelalterliche Substanz.

Andererseits wurden gewachsene nachmittelalterliche Schichten (Bauten und Bauteile) im Sinne des romantischen Idealbildes einer mittelalterlichen Kirche unbekümmert aufgegeben und beseitigt, leider ohne Dokumentation historischer Zustände (z.B. Abbruch der Heiligen-Kreuz-Kapelle an der Nordseite und des Beinhauses an der Südseite).

Gleiches gilt für die Freistellung der Kirche auf dem Platz, indem umgebende Gebäude, z.T. aus dem Mittelalter (z.B. Plattenburg als ältestes Rat- und Zeughaus der Stadt) rigoros im Interesse einer neuen Platzgestaltung mit Lindenreihen beseitigt wurden.
Trotz dieser, aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht teilweise radikalen Umgangsweise mit dem Objekt stellt die Buttelsche Restaurierung einen Markstein in der Geschichte der Denkmalpflege in Mecklenburg dar.

Diese Leistung wird zunichte, als am 29./30. April 1945 die Marienkirche wie mehr als 80% der Innenstadt nach Einnahme durch die Rote Armee Opfer sinnloser Brandlegung wird. Letztlich blieben nur die Umfassungswände und der Turmstumpf als Ruine.

Es folgten jedoch bald erste Versuche des Wiederaufbaus der Kirche nach dem 2. Weltkrieg. Bereits1946 war der Beginn der Enttrümmerung der Kirchruine. Jedoch stürzten 1948 die letzte Reste der Gewölbe und Pfeiler ein.

1952 wurden feierlich die reparierten Glocken wieder geweiht und es erfolgte eine Grundsteinlegung für den Wiederaufbau. Leider wurden bei Ausschachtungsarbeiten zum Bau einer Notkirche im Ostteil des Kirchenschiffs, insbesondere im Altarbereich viel archäologisch wertvolle Substanz (Pfeilerfundamente, Grüfte u.a.) zerstört. Zu Beginn der 1960er Jahre zeichnete sich das Scheitern der Pläne der evangelischen Gemeinde, das Bauwerk wieder aufzubauen ab und es wurde staatlicherseits sogar der Abbruch der Ruine erwogen.

Der wirkliche Wiederaufbau der Marienkirche begann im Jahre 1975 als die Stadt Neubrandenburg von der Mariengemeinde Kirchruine und Grundstück erwarb. 1976 gab es erste Pläne des Neubrandenburger Architekten Josef Walter mit der Zielsetzung der zukünftigen Nutzung als Konzertsaal und Kunstgalerie, letztere im Dachraum.

Im Jahre 1979 Kirche die Marienkirche den Status eines Denkmals von besonderer nationaler und internationaler Bedeutung, insbesondere wegen ihres Ostgiebels und wurde als solches in die Zentrale Denkmalliste der DDR eingetragen. 1982 erhielt das Kirchenschiff ein neues Dach mit zahlreichen Dachgauben zu Belichtung der geplanten Kunstsammlung. Nach intensiver Diskussion mit der Denkmalpflege wurde beschlossen, die Kirche im Äußeren entsprechend der Fassung des 19. Jahrhunderts wiederherzustellen, im Inneren jedoch im Interesse der Schaffung einer großzügigen Konzerthalle auf die Wiedererrichtung der beiden Pfeilerreihen und somit auch der Gewölbe zu verzichten.

Da sämtliche Lasten jetzt lediglich auf den ohnehin durch den jahrzehntelangen ruinösen Zustand geschwächten Außenwänden ruhten, waren erhebliche statische Probleme zu lösen. Die Außenwände wurden mit einem Ringanker aus Stahlbeton versehen, die äußeren Strebepfeiler mussten statisch ertüchtigt werden und die Fundamente wurden beidseitig durch eine zwei Meter starke Betonmauer verstärkt. Insbesondere bei letzterer Baumaßnahme wurden durch rigoroses Wegbaggern an den Innen- wie auch Außenwänden nicht nur pietätlos eine Vielzahl von Gräbern zerstört, sondern auch die historischen Bodenschichten, die beste Auskunft zur Geschichte des Bauwerks hätten geben können, undokumentiert beseitigt.

1983 nach langem, politisch motiviertem Intrigenspiel bekam der Kirchturm wieder seinen Spitzhelm aus Kupfer in Anlehnung an die Buttelsche Lösung. Seitens der Obrigkeit in der Bezirksstadt Neubrandenburg sollte verhindert werden, dass der Kirchturm an Höhe den sozialistischen Prestigebau des HKB überragt. Mit rund 88 Metern ist der Marienkirchturm wieder das höchste Bauwerk der Stadt Neubrandenburg.

1989 gab weitere präzisierte Entwürfe von Josef Walter. Wegen des gedehnten Raumprogramms (Konzertsaal+Kunstsammlung) entstanden Pläne, Nebengebäude auf dem Kirchplatz zu errichten, was auf heftige Proteste stieß.

1989/90 kam durch die politische Wende kommt das Vorhaben fast zum Stillstand. Es folgten Jahre kontroverser Diskussionen.
Im Juli 1990 fand das erste Benefizkonzert auf der Baustelle statt, es folgten weitere.

Die Fertigstellung des Prunkstücks der Marienkirche , des Ostgiebels, wurde mit einer Feier im Juni 1992 begangen. 1994 bestätigte die Ratsversammlung einen neuen Entwurf von Walter, der nur den Konzertsaal in der Kirche beinhaltete. Die Kunstsammlung sollte ihr Domizil in einem denkmalgeschützten Gebäude in der Großen Wollweberstraße finden. Es folgten 1994/95 archäologische Untersuchungen der noch nicht zerstörten Restflächen im Kirchenschiff. Es wurden neben einer Vielzahl von Bestattungen und Baureste der Vorgängerbauten freigelegt. Gegen den Protest der Denkmalpflege wurden diese restlos abgeräumt, so dass sich im Ergebnis das Kirchenschiff als große Baugrube präsentierte.
Im Ergebnis langwieriger Diskussionen kam es 1996 zur Ausschreibung eines europaweiten Architektenwettbewerbs zum Ausbau des Konzertsaals. Sieger wurde der finnische Architekt Pekka Salminen und 1998 erfolgte der erste Spatenstich zum Bau des Saales.

Abweichend vom ursprünglichen Entwurf des Wettbewerbs mussten auf dem Kirchhof zwei weitere unterirdische Bauwerke errichtet werden, was die archäologische Bergung und Dokumentation einer weitern Vielzahl von Gräbern erforderte.

Am 13.07.2001 wurde der Abschluss des Ausbaus der Kirche zum Konzertsaal mit einem feierliches Eröffnungskonzert begangen.
Die Marienkirche firmiert seit dem als KONZERTKIRCHE NEUBRANDENBURG.

Für den Saal wurden 31 Millionen DM verbaut, davon 7,6 von Bund und Land, rund eine Million 1 aus Spenden, großteils als Ergebnis der Benefizkonzerte. Den Rest finanzierte die Stadt Neubrandenburg.
2002 wurde der neugestalteten Marienkirchplatzes fertiggestellt. Proteste der Neubrandenburger hatten dafür gesorgt, dass, entgegen der anfänglichen Entwürfe Teile der historischen Platzfassung (Granitpoller mit Eisenstreben), die Lindenalleen und Teile der Grünflächen sowie das Denkmal für den Pastor Franz Christian Boll an seinem historischen Platz erhalten blieben.

Im gleichen Jahr wurde im Saal die Ausstellung des Regionalmuseums „Wege zur Backsteingotik in Neubrandenburg – Zur Wehr und Zier“ präsentiert. Diese kann jetzt als Dauerausstellung mit Ergänzung zum Thema “Europäischen Route der Backsteingotik“ im Kirchturm besichtigt werden.

(Autor: Dr. Harry Schulz)
 
 

Blick auf Neubrandenburg

Ruine

Suedwand

Turm der Marienkirche

Ostgiebel 1975

zerstoerte Gruft

Beginn Dachstuhlerneuerung, 1982

Arbeiten im Dachstuhl, 1982

Freilegungen

Innenraum, 1996

Blick ins Kirchenschiff

 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

Georg Krüger (Hrsg.):
Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, I. Band, III. Abteilung, Amtsgerichtsbezirk Neubrandenburg,
Neubrandenburg 1929, S. 17-47

Erich Brückner:
Die St. Marienkirche zu Neubrandenburg, Das Christliche Denkmal Heft 11, Berlin 1957

Marienkirche Neubrandenburg, Festschrift zum 750jährigen Stadtjubiläum, hrsg. von der Stadt Neubrandenburg, Rostock 1998

DEHIO Mecklenburg-Vorpommern, Deutscher Kunstverlag 2000, S. 360 - 363