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Bischofsburg von Neuhausen, Vastseliina (Estland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Baugeschichte
A Hintergrund
Die Ostgrenze von Livland geht auf Entwicklungen in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Die ersten Festungen wurden gegen Ende des 13. Jahrhunderts gegründet.

Da die Beziehungen zwischen Livland und Pleskau (Russland) für eine kurze Periode friedvoll waren, konzentrierte sich der Schwertbrüderorden auf die Litauer. Die Konflikte mit Riga brachten auch interne Probleme mit sich, die jedoch in den 40er Jahren des 14. Jahrhunderts gelöst werden konnten. Der Meister des Ordens, Burchard von Dreileben, schlug dem Bistum von Dorpat vor, Krieg gegen Pleskau zu führen. Nach Anweisung von Burchard wurden vor dem 25. März 1342 zwei neue Festungen errichtet: Marienburg auf dem Land des Ordens und Neuhausen, vermutlich auf dem Land des Bistums von Dorpat. Ein möglicher Grund für die Errichtung einer neuen Festung so nah an der Grenze war wahrscheinlich die Verstärkung der neuen Festung in Isborsk aus den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts.

Die neue Festung war gut positioniert entlang der Handelsroute zwischen Dorpat und Pleskau, bzw. zwischen Riga und Pleskau.
In den ersten hundert Jahren ihres Bestehens sah die Burg nicht viele militärische Aktionen. Erstmalig wurde sie 1463 von den Russen belagert, aber ohne Erfolg. Damals wurden auch zum ersten Mal Kanonen eingesetzt. In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu militärischen Konflikten.

Im Livländischen Krieg, der 1558 ausbrach und die Ära Altlivlands beendete, zeigte sich die Schwäche der Steinburgen gegen Kanonenfeuer. Der Einsatz neuer Waffen schmälerte den Vorteil hoher Schutzwälle. Die Burg musste sich 1558 den russischen Truppen beugen, die bis zum Ende des Kriegs hier herrschten. Gemäß den Bedingungen des Friedensvertrags von Jam Zapolski ging die Burg 1582 an Polen über.

Im polnisch-schwedischen Krieg (1600-1625) wurde die Burg von den Schweden eingenommen. Laut schwedischen Berichten wurde die Burg sehr stark beschädigt. Versuche, sie wieder herzustellen, blieben wegen Mangel an Baumaterial und Arbeitskräften erfolglos. Während des russisch-schwedischen Kriegs (1656-1661) wurde die Burg von den Russen erobert, aber mit Abschluss des Kärde-Friedensvertrags (1661) ging sie wieder an die Schweden über. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Neuhausener Burg jedoch ihre ehemalige Bedeutung verloren und wurde aus dem Burgenverzeichnis gestrichen.
Zu Beginn des Großen Nordischen Kriegs fiel die Burg an die Russen und wurde zerstört. Seit jenem Krieg ist die Burg eine Ruine, die bis heute in erhalten ist.

B Baugeschichtliche Perioden
Die Burg von Neuhausen ist eine der eindrucksvollsten Verteidigungsanlagen des Mittelalters im estländischen Verbreitungsgebiet von roten Ziegelbauten.
Die Burg befindet sich auf einem natürlichen Vorgebirgsplateau. Auf der einen Seite der Hochebene bot ein künstlicher Graben den nötigen Schutz. Die Bauarbeiten an der Burg begannen im Jahr 1342. Der älteste Teil der Burg ist ein massiver viereckiger Turm, der den Zugang zur Burg vom Süden her befestigte.

Die nächste Phase bildete der Aufbau der Hauptburg und des Burghofs an der Nordseite des Plateaus in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Aufgrund der vermehrten Verbreitung von Schusswaffen wurde die Burg durch eine starke kreisförmige Mauer mit Kanonentürmen befestigt. Vor diesem Umbau war die Burg nach Ansicht des Ordensmeisters die stärkste Befestigungsanlage im ganzen Land. Wissenschaftler stehen dieser Einschätzung kritisch gegenüber. Einer Hypothese zufolge gab es eine weitere Bauphase vor diesem Aufbau. Die Hauptburg bestand aus drei Flügeln, was auf die Existenz einer reduzierten Klosteranlage hindeutet. Mit dem Bau konnte Mitte des 14. Jahrhunderts begonnen werden, vielleicht sogar schon vor 1354, als man von einem Anstieg der Einnahmen ausgehen konnte (Pilger!).

Der Turm und die Hauptburg dominierten den Landstrich bis zur Einführung von Schusswaffen. Die ungewöhnliche Anordnung der neuen Kanonentürme orientierte sich an den Gegebenheiten der Landschaft.
Der NO-Ziegelturm erinnert an den W-Turm der Kathedrale von Dorpat. Beide wurden vermutlich vom selben Baumeister entworfen. Davon ausgehend kann angenommen werden, dass der NO-Turm wahrscheinlich in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts gebaut wurde. Die Gestaltung des Turms, vor allem in den oberen Bereichen der Mauer, ist wegen der Kombination aus zweiteiligen Lanzettbogennischen mit runden Blindöffnungen einzigartig. Die Kreuze aus rotem Ziegel könnten ein Hinweis auf „Wunder“ im Mittelalter sein. Auf Grundlage von Analysen der Schießlöcher ist anzunehmen, dass der dünnwandige N-Turm aus Kalkstein aus der Gegend mit seinem rechteckigen Grundriss erst später, zu Beginn des 16. Jahrhunderts errichtet wurde. Die runden Laufgräben in den zwei oberen Stockwerken sind in Livland eine Seltenheit.
Der SO-Turm und die Südmauer der unteren Burg gehen auf den Beginn des 16. Jahrhunderts zurück, wobei die Südmauer nach dem SO-Turm gebaut wurde. Die Südmauer besteht aus Kalkstein aus der Gegend und wurde ebenfalls mit runden Blindfenstern gestaltet. Der gesamte Komplex wurde mit einer zweiten Steinmauer abgeschlossen. Der Wiederaufbau und die Neugestaltung der Burg dauerten bis zum Livländischen Krieg (1558).
 
 

Umgebungsplan

Blick von Sueden, 2006

Blick auf NO- und O-Tuerme

Blick ins Tal

Südturm

 
 
 
 

Besonderheiten

Neuhausen ist nicht als Grenzburg bekannt. In einem Brief an Papst Innozenz VI aus dem Jahr 1354 (im Bittschriftarchiv von Avignon) beschreibt der Erzbischof von Riga ein Wunder, das sich in der Kapelle der Neuhausen-Burg ereignet haben soll. An einem Abend im September 1353 hörte man Musik aus der leeren Burgkapelle, und die Leute sahen zwei Wachskerzen, die in einem übernatürlichen Licht erstrahlten. Das Kreuz, das normalerweise an der Wand nördlich hinter dem Altar hing, stand nun ohne jede Stütze in der Mitte des Altars. Als der Brief 1354 geschrieben wurde, war das Kreuz noch immer dort. Pilger begannen nach Neuhausen zu strömen, sowohl aus Livland als auch aus Deutschland, und viele, die zuvor blind oder taub waren, konnten nach ihrer Pilgerfahrt wieder sehen bzw. hören. In seinem Schreiben an den Papst bat der Erzbischof von Livland mit folgender Begründung um Vergebung der Sünden der Besucher der Kapelle: Die wachsende Zahl der Pilger würde die Mittel für den Ausbau der Kapelle im Grenzland des Christentums sichern. So wurde den Besuchern von Neuhausen ein Ablass von vierzig Tagen gewährt. Papst Eugen erneuerte den Ablass im Jahr 1342. Laut Aufzeichnungen gab es sogar noch im 15. und 16. Jahrhundert Wallfahrten zur Kapelle.

Dies ist ein typisches Beispiel von Wunderlegenden, aber es liefert gleichzeitig eine Grundlage zur Datierung der Burgkapelle und erklärt, wieso die Mauern alle das Kreuzmotiv beinhalten.
 
 

Verzierungen

 
 
 
 

Nutzung

Ungefähr vor zehn Jahren erkannte man den großen Wert dieses gut erhaltenen Denkmals als Touristenattraktion.
Die gesamte Burgfläche steht nun für Besichtigungen sowie zur Erholung zur Verfügung. Der NO-Turm soll als Aussichtsturm für Touristen geöffnet werden.

Während des Sommers, wenn sich die meisten Touristen einfinden, kann es sein, dass die Zahl der Besucher in der Ruine begrenzt werden muss. Solange die Ruine noch nicht sicher begehbar ist (die Restaurierungsarbeiten sind noch immer im Gange), muss hier über die allgemeine Sicherheit nachgedacht werden.

Neben Besuchern, die aus historischem und kulturellem Interesse kommen pilgern nun auch viele junge Katholiken nach Neuhausen als heilige Stätte.
 
 

Blacksmiths Shop

 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Die Burgruine und die Schenke gehören dem Land, d.h. alle Aktivitäten werden von der Stadtverwaltung kontrolliert und gesteuert. Dies trägt dazu bei, den jeweiligen Bereich für die öffentlichen Interessen bestmöglich zu erschließen.
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Die wissenschaftliche Erforschung der Burg begann 1888, als Reinhold Guleke (Architekt an der Universität von Dorpat) archäologische Ausgrabungen auf dem Gelände der Burg organisierte. Er öffnete den unteren Teil des Hauptturms; jedoch wurden die Relikte aufgrund fehlender notwendiger Erhaltungsmaßnahmen beschädigt und sind in der Zwischenzeit unter einer neuen Erdschichte begraben. Wahrscheinlich arbeitete er auch am Torbereich der unteren Burg. Leider ist das wahre Ausmaß seiner Ausgrabungen nicht bekannt. Er erstellte auch keinen ordentlichen Bericht über seine Arbeiten.

Alle späteren Historiker legten ihren Untersuchungen der erhaltenen Überreste die historischen Pläne (hauptsächlich von R. Guleke) zugrunde.

Von 1960 bis 1961 erfolgte die teilweise Restaurierung der Ruine. Wieder einmal gab es keinen ordentlichen Bericht über die ausgeführten Arbeiten, lediglich einen nicht vollendeten Entwurf.
Die Kulturschicht des Burggeländes wurde in sehr kleinen Zonen in der Nähe der Südmauer und des NO-Turms archäologisch untersucht (2005 bzw. 2006).

Ein genauer Grundriss für das Burggelände wurde 1974 von dem Geodäten Uno Hermann erstellt. 1953 wurde für den NO-Turm ein Messplan angefertigt, aber für den N-Turm, den SO-Turm sowie die Südmauer wurde diese Arbeit nie vollendet. 1991 wurde eine photogrammetrische Untersuchung durchgeführt.

Das Konzept der Restaurierung ist wirklich ganz einfach: Konservierungsarbeiten konzentrieren sich zunächst auf die sichtbaren Überreste laut einem technischen Bericht. Als Ergebnis sollte man eine Ruine mit Park inklusive historischer Burg erhalten sowie Möglichkeiten, den Bereich für den Fremdenverkehr zu erschließen (Zugang für Touristen zum NO-Turm und Bereitstellung einer Turmtreppe).

Die zweite Restaurierungsphase begann 2002 vom NO-Turm aus. 2003 verlangte die Stadtregierung von Neuhausen, dass für die Burg und das Herrenhaus ein Teilplan erstellt werden sollte. Danach wurde die Burg zu einer Touristenattraktion und zu einem Ort für Freizeitaktivitäten umgestaltet. Der NO-Turm soll als Aussichtsturm für Touristen geöffnet werden. Der Bereich bietet einen Informationsstand und eine kleine Ausstellung (die Gebäude der nebenan gelegenen Schenke können als Hilfsgebäude dienen). Der Ort ist in verschiedene Fremdenverkehrsrouten eingebunden. Das Konzept wurde bisher schrittweise umgesetzt.
Die Mittel zur Finanzierung kommen aus verschiedenen Quellen: Die Restaurierung trägt der Staat, Fremdenverkehrsaktivitäten werden aus anderen Quellen finanziert und für allgemeine Instandhaltungsarbeiten kommt die Stadt auf.
 
 

Grundriss

Ausgrabungen 1888

Grundriss mit Überresten

Blick auf NO- und O-Tuerme

 
 
 
 

Heritage Management

Der Schutz und die Verwaltung des Objekts liegen in der Verantwortung der Stadt Neuhausen. Maßnahmen, die sich auf die Burgruine oder ihre Kulturschicht auswirken können, werden mit dem Nationale Denkmalbehörde koordiniert.

(Autorin: Ylle Jukk)
 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

Eesti arhitekuur, 4. Tallinn 1999.

K.Aluvee. Eesti keskaegsed linnused. Tallinn 1993.

K.Alttoa. Vastseliina piiskopilinnuse ajalooline õiend , kd. 1 ja 2. Tallinn 1987 (MKA arhiiv, A-1659)