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Himmelfahrtskirche der Hl. Jungfrau und Gottesmutter Maria, Vilnius (Litauen)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Die am alten Weg nach Trakai liegende Franziskanerkirche ist eines der wichtigsten Tempel in der Geschichte von Vilnius. Die erste Kirche wurde an dieser Stelle noch vor der Christianisierung Litauens 1387 erbaut. Die Quellen nennen als ihren ersten Stifter Hanul, den Statthalter der deutschen Kaufleute in Vilnius, auch Hanul von Riga genannt. Die Kirche bekam den Namen der Himmelfahrt der Heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Der Name Maria trug den Zusatz „in Arena“, was heißt: „im Sand“.

1390 überfielen die Kreuzritter die Burgen von Vilnius und steckten die Stadt in Brand. Wahrscheinlich wurde dabei auch die Kirche niedergebrannt. Sie wurde 1421 wieder aufgebaut. Während eines weiteren Brands 1533 zerstörte das Feuer völlig das Dach der Kirche, das Gewölbe über dem Altarraum brach ein, der Hauptaltar sowie einige kleinere Altäre verbrannten. Wieder aufgebaut wurde die Kirche als eine dreischiffige Hallenkirche mit einem hohen Dach und einem Treppengiebel. Im Südschiff sind drei Kristallgewölbe erhalten. In dieser Zeit entstand ein beachtenswertes gotisches Portal und ein runder gotischer Turm in einer Ecke des Nordschiffes. Die Kirchenmauern bekamen schwarze Klinkerverzierungen. Häufige Brände im 17.-18. Jh. verwüsteten die Kirche. Fast alles fiel dem Feuer zum Opfer, lediglich die wertvollsten Gemälde und Reliquien konnten gerettet werden.

Etwa 1773-1780, während des Umbaus nach einem Entwurf des Architekten Kazimierz Kaminski erhielt die Kirche ihr spätbarockes Aussehen. Der Innenraum wurde mit mehr Licht erfüllt, der Orgelchor mit beeindruckenden Stuckverzierungen versehen. Im Gewölbe des Mittelschiffes entstanden Fresken, in denen das Leben, das Wirken und die Wunder des Heiligen Antonius sowie vieler anderer franziskanischer Heiliger dargestellt werden. Die Fresken wurden vom königlichen Maler Franziskus Nemirovskis unter Mithilfe eines Basilianermönchs gemalt. Weiterhin wurden zwei Innenkapellen – die gotische des Heiligen Laurentius und die Renaissancekapelle des Heiligen Ivo – sowie zwei Sakristeien (Winter- und Sommersakristei) mit barocken Verzierungen ausgestattet.

Auch während des Kriegs von 1812 hatte die Kirche stark gelitten. Die französiche Armee richtete darin ein Kornlager ein. Nach der Niederschlagung des Aufstands gegen die russische Zarenherrschaft 1863 und aufgrund des Verdachts, die Mönche hätten die Aufständischen unterstützt, wurden auf Anordnung des Generalgouverneurs von Vilnius Michail Murawjow sowohl die Franziskanerkirche als auch das nebenan liegende Kloster geschlossen. Anschließend wurden die Altäre zerstört und die Fresken übermalt. Die Kirche wurde zum Aufbewahrungsort für Archive der staatlichen Institutionen umfunktioniert.

1872 wurde der gotische Glockenturm abgerissen, der beim Absturz ein weiteres Gebäude beschädigte. 1934 kam die Kirche wieder in den Besitz der Franziskaner, doch wurden die Gebäude, darunter das Kloster, 1941 durch die sowjetischen Behörden enteignet. Nach dem Krieg wurden in den Klosterräumen Wohnungen und Büros eingerichtet, in die Kirche zog erneut ein Archiv ein.

1992 schließlich wurde das Archiv in andere Räumlichkeiten verlegt und die Kirche dem Orden der Franziskaner-Konventualen übergeben.
 
 

Grundriss

Glockenturm

Kapelle Heiliger Laurentius

Detail

Hl. Laurentius Innen

 
 
 
 

Besonderheiten

Die im 14.-16. Jh. gebaute Kirche war ursprünglich gotisch, Ende des 18. Jh. erhielt sie die spätbarocke Prägung. Die Kirche hat heute einen langgezogenen rechteckigen Grundriss und die Basilika-Form – anfangs ist sie jedoch eine Hallenkirche gewesen. Das Mittelschiff ist doppelt so hoch wie die Seitenschiffe und viel breiter als sie. Ihm schließt sich ein gleich hoher Altarraum mit einer dreiseitigen Apsis an. Die Kirchenwände bestehen aus verputztem Backsteinwerk. Die Backsteine sind nach der gotischen Verbandsart verlegt, die Hohlräume sind an manchen Stellen mit Steinen aufgefüllt. Die Ecken der Kirche werden von diagonalen Strebepfeilern gestützt. Die Kirche hat Kreuz-, Stern- und Kristallgewölbe. Zur Dachdeckung wurden Dachziegel verwendet.

Architektonisch gesehen ist die Franziskanerkirche sehr den preußischen und norddeutschen Kirchen ähnlich.
 
 

Kristallgewölbe

Mittelschiff

 
 
 
 

Nutzung

Die Franziskanerkirche ist eine funktionierende römisch-katholische Kirche.
In der Kirche ist ein Kulturzentrum des Franziskanerordens tätig.
 
 

Nordfassade

 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Am 15. Mai 1998 wurde die Kirche in den Besitz des Minoritenordens, der Franziskaner-Konventualen, überführt.
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Das Klosterensemble der Franziskaner ist in die Liste des Kulturerbes der Republik Litauen eingetragen (Registriernummer G 225 KP).

Nach der Räumung des Archivs 1992 wurden in der Kirche archäologische Untersuchungen eingeleitet, zeitgleich fanden architektonische Untersuchungen und die Untersuchungen der Polychromie statt.

1999–2004 wurden die Dachziegel durch historische ersetzt. 2003 begannen die Instandsetzungsarbeiten im Innenraum der Kapelle des Heiligen Laurentius. 2005 wurde in der Kapellenfassade die aus dem 18. Jh. stammende Wandmalerei mit den Darstellungen der Heiligen Jungfrau Maria, des Heiligen Kasimir und des Heiligen Laurentius freigelegt. Im selben Jahr wurden von der gotischen Backsteinmauer aus dem 16. Jh. die Zementschichten und Ablagerungen entfernt und die diagonalen Strebepfeiler wiedererrichtet. Nach der Freilegung des Frieses an der Nordwand kamen Textfragmente zum Vorschein, die von einer Bruderschaft der Kirche aufgezeichnet worden sind. Bei der Restaurierung des gotischen Mauerwerks wurden die beschädigten Backsteine durch analoge mit den gleichen Maßen (29x13x9 cm und 30x14,5x10 cm) ersetzt.

In der Sakristei wurde die Wandmalerei aus dem 18. Jh. restauriert. Darauf werden die Franziskanerpäpste, die ersten Franziskanerbischöfe von Vilnius, Andreas I. und Jakob Plichta, der Heilige Antonius, die Heilige Klara und die Heilige Kinga dargestellt. Weiterhin gibt es Abbildungen der Himmelfahrt der Heiligen Jungfrau Maria.

(Autor: Petras Kanevičius)
 
 

Ansicht

Restaurierte Fassaden

Gotische Backsteine

 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis