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Franziskanerkloster, Neubrandenburg (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Zeittafel:
- um 1260, Ansiedlung eines Konventes des römisch-katholischen Franziskanerordens in Neubrandenburg

- 1285 in der Stadt tagte das sächsische Provinzkapitel des Franziskanerordens unter dem Provinzialminister Burkhard von Halle, das Datum zählt als erster sicherer Hinweis auf die Existenz des Franziskanerkonventes in Neubrandenburg

- 1339 Ritter Otto von Dewitz schenkte den Neubrandenburger Franziskanern ein Grundstück; diese allgemein übliche Stiftungspraxis durch den Adel stärkt die wirtschaftliche Basis des Konventes

- 1355 der Landesherr Johann I. von Mecklenburg-Stargard privilegierte den Neubrandenburger Franziskanerkonvent, nachdem ihr Stiftungsbrief bei einem Brand vernichtet worden war

- 1424 ein Schiedsgericht sollte den Streit zwischen den Patronatsherren der städtischen Marienkirche, den Prämonstratensern aus dem Stift Broda und den Franziskanern klären, wer in Neubrandenburg das Recht zur Durchführung von Prozessionen, Predigten und Beerdigungen besäße

- 1521 in Neubrandenburg tagte das Provinzkapitel der Saxonia Sankt Johannis Baptistae unter Benedikt von Löwenberg, dabei wurde aus einem Teil der Saxonia die Provinz Thüringen gebildet

- 1532 im Zuge der Reformation verließ der Guardian(Klostervorsteher) mit anderen Brüdern das Kloster

- 1535 Schließung der Klosterkirche, die seit dem als evangelisches Gotteshaus dient

- 1592 Das aufgelassene Kloster wird vom Landesherrn der Stadt Neubrandenburg übertragen, die in den verbliebenen Gebäuden ein Armenhaus mit angeschlossenem Hospital einrichtete. In der Johanniskirche wirkte ein Pastor für die Armen.

- 1540 in den Konventsgebäuden leben noch Franziskanerbrüder

- 1552 der letzte Franziskaner Nicolaus Schutten legte in aller Form seine Mönchskappe ab; damit endete nach knapp 300 Jahren die Geschichte des Neubrandenburger Franziskanerklosters

- 1614 Bei einem Großfeuer im Neubrandenburger Stadtzentrum wurde auch die ehemalige Klosteranlage in Mitleidenschaft gezogen. Der beschädigte Chor der Kirche Sankt Johannis& wurde durch eine Scheidewand vom Kirchenschiff abgetrennt.

- 1803 Der Kirchenchor wurde zum Getreidespeicher umgebaut.

- 1864 Für den Ausbau der Straßenführung durch das neu geschaffene Eisenbahntor im nördlichen Abschnitt der Stadtbefestigung kürzte man den Chor um 33 Fuß Länge ein.

- 1887 entgültiger Einsturz des Kirchenchores

- 1891-94 Die Kirche Sankt Johannis erfuhr bei großangelegten Sanierungsarbeiten eine gravierende Umgestaltung nach Motiven der Zisterzienserklosterkirche Chorin. Erneuert wurden unter anderem die Wölbung, der Chor, die Westfassade und das Dach mit Dachreiter.

- 1945 Nach der Zerstörung der Sankt Marienkirche in den letzten Tagen des II. Weltkrieges wurde die Sankt Johanniskirche die Hauptkirche im Stadtzentrum Neubrandenburgs. Der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Sankt Johannis gehören heute etwa 3.000 Mitglieder an.

- 1969 bis 1979 Der Westflügel sowie der Nordflügel wurden instand gesetzt. Im letztgenannten Gebäude richtete man Räumlichkeiten für die Ratsversammlungen und das städtische Standesamt mit angeschlossener Traustätte ein.

- 1976-80 Bau- und Sanierungsarbeiten in der Kirche Sankt Johannis

- 1996-2001 Die Stadt plante am Klosterstandort die Schaffung des neuen Domizils für das Regionalmuseum Neubrandenburg. Bei bauvorbereitenden archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen wurden umfangreiche Informationen zur Klostergeschichte ermittelt. Seit Beendigung der geschichtswissenschaftlichen Erforschungen ruht das städtische Vorhaben. Der Nordflügel ist wegen der Umbau- und Sanierungsarbeiten seit 1995 geschlossen.


Geschichte:
Beim Ausbau der 1248 vom brandenburgischen Markgrafen Johann I. gegründeten Stadt Neubrandenburg wurde für die geistliche und karitative Versorgung der Bürger ein Franziskanerkonvent angesiedelt. Gleichwohl Nachrichten über dieses Ereignis fehlen, kann als Klosterstifter Markgraf Otto III. angesehen werden, der zwischen 1258 und 1267 über das Land Stargard und damit über die Stadt Neubrandenburg herrschte. Otto, den man wegen seiner ausgeprägten Gläubigkeit später den Frommen nannte, plante wahrscheinlich den Ausbau Neubrandenburgs zur Residenzstadt. Denn für die Errichtung des Feldsteinklosters musste der schon in Bau befindliche backsteinerne Markgrafenhof umgestaltet werden. Letztendlich scheiterte das herrschaftliche Vorhaben der Machtentfaltung in Neubrandenburg aufgrund der politischen Entwicklung der Mark Brandenburg und am Widerstand der mecklenburgischen Nachbarn.

Der früheste schriftliche Hinweis auf die Existenz des Neubrandenburger Franziskanerklosters stammt aus dem Jahre 1285, als hier das sächsische Provinzkapitel unter der Leitung des Provinzialministers Burkhard von Halle tagte. Die Zusammenkunft der Ordensgemeinschaft sollte dem noch jungen Konvent öffentliche Aufmerksamkeit und damit weltliche Zuwendungen sichern.
Schon frühzeitig wüteten verheerende Brandkatastrophen im Kloster, bei denen der älteste Archivbestand samt dem Stiftungsbrief vernichtet wurde. Nach dem Wiederaufbau des Klosters bestätigte der neue Landesherr Johann I. von Mecklenburg-Stargard 1355 dem Franziskanerkonvent seine Privilegien. Bei einem der frühen Umbauphasen hatte man das Ordenshaus mit dem Hauptteil des markgräflichen Fürstenhauses vereinigt und somit die räumliche Gestalt des Klosters den gestiegenen Nutzungsbedingungen angepasst. Trotz dieser Baumaßnahmen wurde der klösterliche Klausurcharakter der Gründungsbauten gewahrt. Es scheint so, dass der neu zum Kloster gelegte Nordabschnitt mit dem alten Markgrafenhof für Laienbrüder und Gäste des Konventes vorbehalten war. Eine Ausnahme machten der Küchenbereich und die Speisesäle im Erdgeschoss des neuen Nordflügels, die als Refektorium (Speisebereich) der gesamten Klostergemeinschaft dienten.
Über das tägliche Leben im Neubrandenburger Franziskanerkloster liegen keine Informationen vor. Die Einbindung des Konventes in das urbane und ländliche Umfeld wurde bestimmt durch die gesellschaftlichen Zustände des Mittelalters. Aufgrund der Bevölkerungskonzentration in den Städten, der Pestepidemien und Glaubensstreitigkeiten widmeten sich die Franziskaner der Krankenpflege, Predigt und Seelsorge. Für diese Tätigkeiten erhielten sie aus der Bevölkerung Zuwendungen. Das Neubrandenburger Franziskanerkloster diente auch als begehrter Bestattungsort. Der Neubrandenburger Franziskanerkonvent unterhielt einen Friedhof östlich und wohl auch südlich des Ordenshauses sowie spezielle Grablegen in der Klosterkirche Sankt Johannis und im Kreuzgang am Südhof. Aufgrund der tief verwurzelten Volksfrömmigkeit glaubte man, dass die Beerdigung im geweihten Klosterboden allgemein das jüngste Gericht und die erhoffte Wiederauferstehung günstig beeinflussten. Bei Ausgrabungen und Erdarbeiten in den Kreuzgängen konnten bisher die sterblichen Überreste von mindestens 81 Individuen geborgen werden. Infolge der begrenzten Raumfläche hatte man im nördlichen Kreuzgangabschnitt die Särge dicht gedrängt, in mehren Schichten übereinander deponiert. Die Gebeine älterer, bei der Beerdigung aufgenommener Gräber, wurden an separaten Stellen niedergelegt. Da die anthropologische Untersuchung des Skelettmaterials noch aussteht, ist über den Status der Toten noch keine verbindliche Aussage möglich. Die mit dem Kirchenbetrieb verbundenen religiösen Handlungen, wie zum Beispiel Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Prozession und Predigt, war mit lukrativen Einnahmen verbunden. In Neubrandenburg kam es 1424 zwischen den Prämonstratensern aus dem Stift Broda als Patronatsherren der städtischen Marienkirche und den Franziskanern zum Streit über die Zuständigkeit der geistlichen Versorgung. Zu welchem Ergebnis das eigens dafür angerufene Schiedsgericht kam, ist unbekannt.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts besaß das Franziskanerkloster den größten Ausbaugrad. Neben einer leider unbekannten Anzahl von Wirtschaftsgebäuden zählten zum eigentlichen fünfflügligen Ordenshaus die Klosterkirche „Sankt Johannis“, der Ostflügel, der Mittelflügel (ursprünglich der Nordflügel), der Westflügel und der Nordflügel (ursprünglich ein Teil des Markgrafenhofes). Im Ostflügel waren die Sakristei, der Kapitelsaal, die Bibliothek und der Schlafbereich, das Dormitorium, untergebracht. Der Westflügel diente mit großer Wahrscheinlichkeit als öffentlicher Raum für karitative Tätigkeiten. Im Nordflügel, dem Refektorium, befanden sich die Küche und die Speisesäle. Zudem existierten im Obergeschoss des Gebäudetraktes weitere Schlaf- und Lagerräume. Zur Verbesserung der Lebensbedingungen installierte man im Nordteil des Westflügels, an zwei Stellen im Nordflügel und im nördlichen Teil des Ostflügels unter den Fußböden Luftheizungen.

1521 war das Neubrandenburger Kloster nochmals Schauplatz der Franziskanischen Ordensgeschichte. Bei der Zusammenkunft des sächsischen Provinzkapitels wurde unter Leitung des Provinzialministers Benedikt von Löwenberg die Bildung der Provinz Thüringen beschlossen.

Mit der Verbreitung des protestantischen Glaubens in Mecklenburg setzte auch der Niedergang des Neubrandenburger Franziskanerklosters ein. Angesichts der voranschreitenden Reformation verließ 1532 der Guardian (Klostervorsteher) zusammen mit einer nicht näher genannten Zahl von Brüdern das Ordenshaus. Obwohl 1535 die Klosterkirche geschlossen wurde, lebten noch fünf Jahre später Franziskanerbrüder in den Konventsgebäuden. Erst 1552 legte der letzte Franziskaner Nicolaus Schutten in aller Form seine Mönchskappe ab. Damit endete nach knapp 300 Jahren die Geschichte des Neubrandenburger Franziskanerklosters.
Der in den Besitz der Stadt Neubrandenburg gelangte Baubestand des ehemaligen Klosters wies bereits in den 1550er Jahren einen schlechten Erhaltungszustand auf. Noch 1570 beklagte man den baulichen Verfall der maroden Bauwerke. Vermutlich erfolgte der Umbau der verbliebenen Klausurflügel zum städtischen Armenhaus mit angeschlossenem Hospital erst im 17. Jahrhundert im augehenden 16. Jahrhundert.

In dieser Funktion diente das ehemalige Kloster bis kurz nach 1945. Danach wurden die erhaltenen Gebäude saniert und teilweise umgebaut, woraufhin unterschiedlichste kirchliche und kommunale Institutionen die evangelische Kirche Sankt Johannis sowie den West- und Nordflügel zur Nutzung übernahmen.
 
 

Gruendungsbauten

Bestattungen

Grundriss um 1450

Lageplan

 
 
 
 

Besonderheiten

Das ehemalige Neubrandenburger Franziskanerkloster zählt aufgrund der noch vorhandenen historischen Bausubstanz zu den bedeutendsten Baudenkmalen in Mecklenburg-Vorpommern.
Trotz einer wechselvollen Geschichte haben bis heute oberirdisch die Klosterkirche, Mauerteile des Westflügels, Mauerteile und zwei Kreuzgangjoche des Ostflügels sowie der Nordflügel als besonderes architektonisches Glanzlichts die Zeit überdauert.

Die beiden ältesten Gebäude, die man um 1260 für den Konvent errichtete, waren die Klosterkirche und der Ostflügel. Beide, baulich miteinander verbundenen Klausuranlagen hatte man mit einem rechten Winkel von fast 90 º erstaunlich genau zueinander ausgerichtet. In schneller Folge entstanden dann der Nord- und Westflügel, die in dieser Zeit reine Kreuzgangteile waren. Die fast perfekte rechtwinklige Anordnung der Klausurgebäude am südlichen Kreuzhof unterstreicht den relativ kurzen Entstehungszeitraum des Klosters. Die Gründungsbauten des Neubrandenburger Ordenshauses zählen zu den typischen Beispielen gotischer Feldsteinarchitektur im norddeutschen Raum.

Nördlich des Feldsteinklosters hatten die Markgrafen von Brandenburg vor dem Klosterbau die Errichtung eines Stadthofes angeordnet. Von dem Bauensemble kennen wir zwei Gebäudeteile, die später bei der Zusammenlegung mit dem Kloster im 14. und frühen 15. Jahrhundert zu einem einheitlichen Ost-West orientierten Flügel, dem Refektorium, umgestaltet wurden. Der Nordflügel zählt aufgrund seiner Geschichte als Teil des Neubrandenburger Stadthofes der Markgrafen von Brandenburg und seines guten Erhaltungszustandes zu den herausragenden Baudenkmälern in Deutschland. Von den einstmals weit verbreiteten fürstlichen Stadthöfen haben nur wenige die Zeit überdauert. Der für diesen herrschaftlichen Bautypus allgemein feststellbare schlechte Erhaltungszustand wertet den Neubrandenburger Baubestand im europäischen Maßstab weiter auf.

Klosterkirche Sankt Johannis:

Zu den ältesten Gebäuden des Neubrandenburger Franziskanerklosters gehört die Kirche Sankt Johannis. Vom Ursprungsbau ist nur noch die Feldsteinnordmauer mit den Lanzettfenstern erhalten. Die mutmaßliche Saalkirche wurde um 1300 zu einer zweischiffigen Stufenhalle ausgebaut. Noch im 14. Jahrhundert legte man am östlichen Ende des Mittelschiffes einen dreijochigen Langchor mit polygonalem Abschluss an, der im 19. Jahrhundert niederging. An seiner Stelle entstand bei der großen Umbaumaßnahme von 1891 bis 1894 ein rechteckiger Chorraum. Während dieser tiefgreifenden baulichen Eingriffe wurden die Gewölbe, die Giebel, die Traufen sowie das Dach samt Dachreiter neu gestaltet. Bei den Arbeiten erhielt die Kirche in Anlehnung an die märkische Frühgotik ein neues Aussehen in historistischem Stil.

Im Inneren des Gotteshauses dominieren die markante Arkadenpfeilerreihe und die imposante Deckenwölbung das architektonische Bild. Die Ausmalungen im Kirchenschiff sowie die Buntglasfenster sind Zeugnisse des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls neu ist die Arkadenwand mit den Fenstern, die in den Dachbodenraum des Seitenschiffes führen. Die südliche Vorhalle wurde in Anlehnung an einen älteren Vorgängerbau nach überlieferten Stilformen komplett erneuert. Die Kirche Sankt Johannis zählt trotz der späteren Umbaumaßnahmen zu den eindrucksvollen Zeugnissen der norddeutschen Bettelordensarchitektur.

Ostflügel Dormitorium:

Vom einstigen Ostflügel, der um 1450 in der Phase seiner größten Ausdehnung vom Kirchenchor bis auf Höhe des Nordflügelkreuzganges reichte, sind oberirdisch nur noch Reste erhalten. Zum einen handelt es sich um die Mittelmauer und zum anderen um zwei Joche des nördlichen Kreuzgangabschnittes. Diese baulichen Fragmente verweisen zusammen mit den Fundamenten darauf, dass der Ostflügel ein mehrgeschossiges Gebäude war, dass im Kern aus der Nord-Süd ausgerichteten Hauptraumachse und dem westlich davon an den Binnenhöfen gelegenen Kreuzgang bestand. Der mit einem alles überspannenden Satteldach versehene Bau besaß am Nordende einen massiven Giebel, von dem im Erdreich das Steinfundament von 2,5 m Breite auftrat. An dem Nordgiebel und der östlichen Traufseite konnten Strebepfeilerfundamente nachgewiesen werden, die man im Zuge der Erdgeschosswölbung erbaute.

In der erhaltenen Feldsteinmauer sind mit Backstein abgemauerte Türdurchgänge eingelassen, die auf die Raumstruktur des Ostflügels verweisen. An der westlichen Seite der Mittelmauer sind backsteingerahmte Balkenlöcher der Dachkonstruktion sowie backsteinerne Gewölbereste des Kreuzganges erhalten.

Mittelflügel, Kreuzgangabschnitt (ehemaliger Nordflügel):

Nach Fertigstellung der Kirche und des Ostflügels entstand als nördlicher Abschluss des (südlichen) Kreuzhofes ein schmaler Kreuzgang, der spätere Mittelflügel. Der zu dieser Zeit als Nordflügel konzipierte Bau wurde zum Ostflügel wieder im rechten Winkel von 89,8 º angelegt. Vom Mittelflügel sind nur noch wenige im Erdreich lagernde Fundamentreste und geringfügige Fragmente der aufgehenden Feldsteinmauern vorhanden.

Im 14. Jahrhundert wurde der Mittelflügel mit Backstein durchgebaut und gewölbt. Bei dieser Baumaßnahme vereinigte man den markgräflichen Stadthof mit den Klostergründungsbauten, sodass aus dem Nordflügel ein Mittelflügel wurde. Bei der Neustrukturierung der Klosteranlage blieb die ursprüngliche Klausurform erhalten. Das heißt, dass die Arkadenöffnungen des Mittelflügels nur nach Süden zum Kreuzhof zeigten. Demgegenüber scheint die Nordmauer des Mittelflügels kompakt, wohl ohne oder nur mit kleinteiligen Fenstern ausgebildet gewesen zu sein. Aus diesem Grund wurden bei der Wölbung des Mittelflügels lediglich an der durch die Arkaden geschwächten Südseite Strebepfeiler gebaut.

Westflügel Der Regel oder Regelgebäude:

Über die bauliche Entwicklung des Westflügels liegen aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes sowie der begrenzten Erschließbarkeit der Altsubstanz wenige Informationen vor. Allem Anschein nach ist der aus einer Raumachse und einem Kreuzgang bestehende Westflügel kurz nach der Säkularisation des Klosters verfallen, woraufhin man um 1710/20 an seinem Standort ein Fachwerkgebäude errichtete. Der neuzeitliche Westflügel ist in seinem Grundriss nicht deckungsgleich mit den mittelalterlichen Fundamenten des Vorgängerbaues, was dazu führte, dass ein Großteil der mittelalterlichen Fundamente versiegelt oder gar abgetragen wurde.
Wegen des schlechten Erhaltungszustandes wurde die Holz-Lehmkonstruktion der Umfassungswände Ende der 1970er Jahre durch Ziegelmauerwerk großflächig ersetzt. Die wenigen erhaltenen Feld- und Backsteinreste der Mittelmauer liegen heute unter neuzeitlichen Baustrukturen verborgen.

Nordflügel Refektorium (ehemaliger brandenburgischer Stadthof):

Die ältesten Baustrukturen der Klosteranlage befinden sich im backsteinernen Nordflügel. Es handelt sich hierbei um die Reste des ehemaligen Stadthofes der brandenburgischen Markgrafen. Reduziert man den Baukörper auf seinem ursprünglichen Bestand, dann erhalten wir ein außergewöhnliches Bild. Demnach entstand kurz vor dem Bau des Feldsteinklosters ein Backsteinbau, der Nord-Süd orientiert war. Da das geplante Franziskanerkloster flächenmäßig mit dem südlichen Teil des Markgrafenhofes kollidierte, wurde der noch im Bau befindliche Hausabschnitt um 90 ° versetzt in Richtung Westen verlegt. Somit war ein Gebäudeensemble entstanden, dessen Grundriss einem liegendem L gleicht. Als wichtigste Belege für den frühen Entstehungszeitraum des backsteinernen Markgrafenhofes um 1250 sind die am Westgiebel befindlichen Kleeblattblenden und die Drillingsfenster mit gedrückten Spitzbögen in der Nordmauer zu nennen. An der Südseite bildete das Satteldach einen Überstand, unter dem die Eingänge für die Räume lagen. Vom östlichen, Nord-Süd ausgerichteten Gebäudeflügel ist neben einem Teil der Westmauer erfreulicherweise fast der gesamte Südgiebel erhalten. Im Erdgeschoss befand sich eine zentral angelegte Tür unter einem gedrückten Spitzbogen. Der blockhaft wirkende Giebel wurde durch eine einfach gestufte Blendnische im Giebeldreieck leicht aufgelockert. Anscheinend sollte die schlicht gehaltene Südseite des markgräflichen Hauses dem Armutsgedanken der Franziskaner entsprechen.

Spätestens um die Mitte des 14. Jahrhundert hatte man den fürstlichen Hof mit dem Kloster baulich verbunden. Dabei errichtete man an der Südseite einen Kreuzgang mit Zwillingsfenster. Knapp 100 Jahre später entstand durch Rückbau des Nordflügels bis auf die Höhe der Nordmauer des Ost-West-Flügels ein einheitlicher Baukörper, bei dem die Umfassungsmauern um ein volles Geschoss aufgestockt wurden. Damit war für die Wölbung des Kreuzganges und der weiter vereinheitlichten Räume im Erdgeschoss die nötige Höhe geschaffen. Die frühen Sterngewölbe in den Räumen besitzen einen guten Erhaltungszustand. Während der letzten großen Umbauphase wurde ein neuer mit Blendnischen geschmückter Ostgiebel aufgerichtet sowie an drei Erdgeschossseiten markante Spitzbogenfenster angelegt.

Zu Beginn der 30er Jahre des 17. Jahrhunderts führte man den Dachstuhl und die im Obergeschoss befindlichen Fachwerkkonstruktion des Nordflügels neu aus. Die Einbauten im Obergeschoss waren als Wohnbereiche für die Armenhausinsassen ausgebildet. Die verbauten Hölzer konnten dendrochronologisch auf die Jahre 1614/15 (Kiefer) bzw. 1628/29 (Eiche) datiert werden. Der historische Holzeinbau wurde bei den Sanierungsarbeiten 1995/96 bis auf wenige Reste entfernt. Zu ihnen gehören beispielsweise die Dachsparren, die unterhalb des modernen Satteldaches ohne tragende Funktion als Sichtholz angebracht sind.
 
 

Franziskanerkloster

Nordmauer

Klosterkirche um 1843

Sankt Johannis, 1995

Hauptschiff

neuzeitliche Deckenmalerei

Ostfluegelmittelmauer

Mauerwerksstrukturen

Fundamentmauern

Westfassade

Bauwerksstrukturen

Grundriss und Fassade

Westgiebel

Fenster

historische Aufnahme

 
 
 
 

Nutzung

Die Gebäude der ehemaligen Klosteranlage dienten nach der Reformation unterschiedlichsten Zwecken. Nach der Zerstörung der Marienkirche in den letzten Tagen des II. Weltkrieges wurde die Kirche Sankt Johannis zur evangelisch-lutherischen Hauptpfarrkirche Neubrandenburgs ausgebaut, wobei das Kirchenpatronat über sie bei der Stadt Neubrandenburg verblieb. Das Gotteshaus gehörte seit der Reformation zum Wirkungskreis der evangelisch-lutherischen Sankt Mariengemeinde. Die Mariengemeinde ging 1980, fünf Jahre nachdem sie das Grundstück der Marienkirche samt Ruine der Stadt Neubrandenburg übereignet hatte, in der Johannisgemeinde auf. Von den erhaltenen Klausurgebäuden ist der Westflügel Eigentum der Kirchgemeinde. Sie nutzt ihn als Gemeindezentrum und Verwaltungsgebäude.

Im denkmalpflegerisch bedeutsamen Nordflügel mit den Resten des einstigen Markgrafenhofes plant die Stadt Neubrandenburg die Unterbringung der stadtgeschichtlichen Ausstellung des Regionalmuseums Neubrandenburg. Aus diesem Grund wurden von 1995 bis 2001 am Klosterstandort punktuell archäologische und bauhistorische Untersuchungen unterschiedlichster Quantität durchgeführt. Da dass städtische Vorhaben derzeit ruht, ist der Nordflügel im Inneren für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
 
 

Südfassade

 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Stadt Neubrandenburg und Evangelisch-Lutherische Gemeinde Sankt Johannis

 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

 
 
 
 
 
 

Heritage Management

Betreiber:
Kirche Sankt Johannis; Kirchgemeinde Sankt Johannis Neubrandenburg

Nordflügel (Refektorium):
Städtisches Immobilien Management Neubrandenburg

(Autor: Rainer Szczesiak)
 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

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Feldstein und Backstein als Baumaterial in der Mark Brandenburg während des 12. und 13. Jahrhunderts. In: architektura 1994, S. 34-45.

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Das ehemalige Neubrandenburger Franziskanerkloster, Geschichte - Baulicher Zustand - Archäologische Forschungen - Künftige Nutzung. In: Neubrandenburger Mosaik Nr. 24, Neubrandenburg 2001, S. 8 ff.

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Der mittelalterliche Architekturbestand der geistlichen Stiftungen auf dem Gebiet Ostmecklenburgs. In: Neubrandenburger Mosaik 26, Neubrandenburg 2002, S. 37-52.

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Die Gründungsbauten des Neubrandenburger Franziskanerklosters – Ein Vorbereicht –. In: Stralsunder Beiträge zur Archäologie, Geschichte, Kunst und Volkskunde in Vorpommern Band IV, 2003, S.335-344.

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Die Bettelorden in Mecklenburg. Ein Beitrag zur Geschichte der Franziskaner, Klarissen, Dominikaner und Augustiner-Eremiten im Mittelalter. In: Saxonia Franciscana Bd. 6, Hrsg. Dieter Berg, Werl 1995

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Das Bistum Havelberg. In: Germania Sacra, 1. Abt., 2. Bd., Berlin 1933.