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Rathaus, Szczecin (Polen)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Das älteste Stettiner Rathaus liegt in der Altstadt an der Oder, zwischen dem Heumarkt und dem Fischmarkt. Das Alte Rathaus gehört zu den wenigen gotischen Bauten dieser Art in Pommern, die dank der sorgfältigen Restaurierungsarbeiten nach 1945 erhalten geblieben sind. Von der komplizierten Baugeschichte des Gebäudes zeugen verschiedenartige Stilelemente: die Fassade erhielt gotische Formen, der Südgiebel und der Haupteingang wurde dagegen in barocker Bauweise wiederhergestellt. Es gibt auch zeitgenössische Akzente wie z.B. die Form des Nordgiebels.

Die Baugeschichte des Rathauses geht bis in das 13. Jahrhundert zurück, als ein Holzgebäude, das theatrum, eine Markthalle auf der Stelle gebaut wurde, wo das heutige Rathaus steht. Später, am Anfang des 14. Jahrhunderts errichtete man an dieser Stelle ein Ziegelbau, in historischen Quellen als domus mercatoria, sellehus oder domus consulum genannt, was bedeutete, dass es den Kaufleuten, Seglern und Ratsherren diente. Das war ein rechteckiges Gebäude, unterkellert und eingeschossig mit einem Laubengang. Bis heute sind die Mauern des Hauptkellers (damals mit einer Holzdecke) mit zwei Gefängniszellen an der Südfassade und ein schmaler Keller außerhalb der Rathausmauern auf der Südseite erhalten.

Etwa um die Hälfte des 15. Jahrhunderts beschloss der Stadtrat Stettins, der reichsten Stadt Pommerns am Ostufer der Oder, dass das bereits über ein Jahrhundert altes Gebäude abgerissen wird und ein neuer prunkvollerer Sitz der städtischen Behörden an seiner Stelle errichtet werden soll. Ein neues einstöckiges Rathaus mit einem Laubengang wurde auf den Kellermauern des alten Gebäudes gebaut, so dass man die Innenräume der alten Keller mit ihren Holzdecken erhalten hat.

Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Gestaltung des Innenraums abgeschlossen. Die Hauptkellerhalle teilte man in zwei Schiffe mit runden Ziegelpfeilern und bedeckte mit Sterngewölben, den Keller außerhalb der Rathausmauern jedoch mit einem Tonnengewölbe. Das Erdgeschoss wurde mit einer Trennwand geteilt: in einen Hauptsaal mit einer in der Mittelachse mit Holzpfeilern gestützten Holzdecke und in eine überwölbte Diele mit einer Holztreppe, die zu weiteren Stockwerken führte. In der Diele neben der Treppe baute man einen Zwischenstock, und darin zwei mit przeskokowe Gewölbe gedeckten Stuben. Der Innenraum des Stockwerkes wurde auch mit einer Trennwand geteilt, die den großen Saal des Stadtrates von dem kleineren Gerichtssaal an der Arkadenwand trennte. Der Gerichtssaal war ursprünglich mit dem Saal im Erdgeschoss und mit Gefängniszellen im Keller verbunden.

Das Rathaus bewahrte seinen gotischen Stil bis zum 17. Jahrhundert. In den Jahren 1659 und 1677 wurde es größtenteils zerstört und erst Ende des 17. Jahrhunderts wiederaufgebaut. Man entschied sich, die Spuren des gotischen Charakters des Gebäudes gänzlich zu verwischen und daher wurden zwei Giebel abgerissen, in den Mauern wurden neue breite Fenster eingemauert, die Fassaden wurden verputzt , und neue Giebel mit Volutekanten gestaltete man im barocken Stil. In diesem Stil wurde auch das neue Portal in der Westfassade unmittelbar an der Arkade des Laubengangs angebracht.

Die Komposition des Innenraums wurde ebenfalls vollkommen geändert, indem in der hohen Diele ein zusätzliches Geschoß eingebaut und der Innenraum in viele kleinere Räume eingeteilt wurde. In dem in dieser Form wiederhergestellten Rathaus blieb der Sitz des städtischen Magistrats bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, obwohl die wachsende Verwaltung nur mühsam untergebracht werden konnte. 1867 wurden die Kellerräume zu einem Restaurant umfunktioniert, aber bereits 12 Jahre später verließ der Stadtrat das alte Gebäude und zog in das Neue Rathaus um. Das verlassene Gebäude wurde dann zum Teil als Wohnungen genutzt und zum Teil fanden dort verschiedene Handels- und Dienstleistungsbetriebe ihren Sitz.

Es war aber keine gute Idee, das Gebäude auf diese Art und Weise zu nutzen und der Bau geriet in einen immer schlechteren Zustand. Die in den Jahren 1912 – 1914 unternommenen Renovierungsarbeiten änderten nicht viel daran, ähnlich wie die nächsten Renovierungsarbeiten, die in den Jahren 1937-1938 durchgeführt wurden. Man entdeckte einen Teil der gotischen Verzierung, wobei viele originelle Details aus dem Mittelalter zerstört wurden.
1944 ist das Rathaus niedergebrannt. Es blieben die Überreste der Ringmauer mit kaputtem Putz, worunter größere Fragmente der gotischen Verzierung ans Licht kamen.
 
 

Skulptur

Sterngewölbe

Westfassade

 
 
 
 

Besonderheiten

Die Fassaden bekamen eine außergewöhnliche Außenverzierung. Sie wurden nicht nur durch zahlreiche breite Fenster, geteilt mit schmalen Blenden mit tiefen profilierten Leibungen mit Maßwerk- Rosetten, sondern auch durch Friese zwischen den Stockwerken geschmückt. Die Friese waren mit glasierten Formstücken in dunkelgrün, braun und gelb gefüllt. Auf diese Art und Weise erhielt man eine für den spätgotischen Stil typische dynamische und bunte Komposition. Mit dieser Art der Dekoration spielte die Verzierung der Arkaden überein, die sehr eindrucksvoll in Form eines aus vier Arkaden bestehenden Portikus auf der Vorderseite und in Form von zwei breiteren Arkaden an beiden Seiten des Gebäudes gemeißelt wurden. Die mit glasierten Formstücken profilierten Arkaden öffnete man in den Innenraum, der mit einem Kreuzrippengewölbe bedeckt wurde, hinein. Über dem Laubengang erhob sich ursprünglich ein reich verzierter Giebel in der Art einer Attika, die durch profilierte Pfeiler geteilt und mit durchbrochenen Wimpergen geschmückt war.
 
 

Südfassade

 
 
 
 

Nutzung

Heute hat hier die Filiale des Nationalmuseums ihren Sitz, wo in einigen Stockwerken die Geschichte der Stadt vom frühen Mittelalter bis zur heutigen Zeit präsentiert wird. Zu empfehlen ist die archäologische Ausstellung, die dank der archäologischen, im Vorschloss geführten Entdeckungen, entstanden ist.
 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

In den 1950er Jahren führte man architektonische Untersuchungen durch, dann wurde eine Konzeption und ein Projekt des Wiederaufbaus vorbereitet, in dem man die Wiederherstellung des mittelalterlichen Gebäude und der Fassadenverzierung mit der Rekonstruktion der Gewölbe im Laubengang voraussetzte.
1967 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, der 1974 abgeschlossen worden ist. Von außen wurden der gotische Bau und die Fassadenkomposition mit Ausnahme von Giebeln wiederhergestellt. Der Südgiebel ( in Anbetracht der weitgehenden Zerstörung 1959 abgerissen) wurde in der barocken Bauweise rekonstruiert, der Nordgiebel dagegen wurde in der Eisenbetonkonstruktion und in Form eines stilisierten gotischen Giebels hergestellt. Man ließ auch das barocke Portal in der Westfassade. Im Innenraum wurde ein Versuch unternommen, die Gliederung noch aus dem Mittelalter wiederherzustellen. Die erhalten gebliebenen originellen Wände und Kellergewölbe wurden renoviert und zum Teil wiederhergestellt, im Erdgeschoss griff man auf das Konzept mit der Diele und einem großen Saal zurück und man umfunktionierte sie zu musealen Zwecken.
 
 
 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis