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St. Jakobi Kathedrale, Stettin (Polen)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Auf einer Anhöhe gebaut, im Zentrum der Altstadt, ist sie das größte Gotteshaus in Szczecin. Früher eine Pfarrkirche, heutzutage die Hauptkathedrale. Sie ist eine gotische Halle aus Ziegeln mit dem Chorraum, dem Chorumgang mit Kapellen und der dreischiffigen Basilika mit Kapellen sowie einem massiven Turm.

Die Kirche erhielt ihre heutige Form nach mehreren langjährigen Ausbaumaßnahmen im Zeitraum vom 12. bis zum 16. Jahrhundert und dann nach dem Wiederaufbau am Ende des 19. Jahrhunderts und in den 70-er Jahren des 20.Jahrhunderts.

Die Kirchengeschichte beginnt im Jahre 1187. Damals wurde das Kirchengebäude geweiht, was der Bürger Jakob Beringer stiftete und für die in Stettin entstehende deutsche Gemeinde vorgesehen war. Die Holzkirche wurde in die Obhut der Benediktiner aus Bamberg gegeben und zwar als Erinnerung an die Christianisierungsmission durch den Bischof Otto von Bamberg. Die Benediktiner waren die Schirmherren der Kirche über das ganze Mittelalter hindurch und einige der Mönchen wohnten stets im Pfarrhaus. Etwa um das Jahr 1250 haben die Bürger an Stelle der alten Holzkirche mit dem Bau einer gemauerten, dreischiffigen Basilika mit zwei Türmen und einem mit Kapellen umgebenen Chorraum begonnen, was in historischen Quellen aus den Jahren 1290 und 1296 erwähnt ist. Die Bauarbeiten dauerten bis Anfang des 14. Jahrhunderts. Davon wird in einer Urkunde aus dem Jahre 1319, die die Altarstiftung in der Kapelle der Trägerzunft unter dem Turm betrifft, berichtet. Die Überreste dieser ältesten, gemauerten Kirche überdauerten in den Mauern der heutigen Kathedrale. Man erkennt sie im Steinsockel des Südturms und in unteren Teilen des Nordturms sowie im Chorraum und in den unteren Teilen der viereckigen Tragpfeiler mit den zum Umgang geöffneten Arkaden. Die Überreste einer der Kapellen auf der Nordseite des Umgangs entdeckte man vor kurzem unter dem Fußboden, und die Dachkante des Nordschiffes der ehemaligen Basilika hat man auf der Innenseite des Turms gefunden. Die ursprüngliche Anordnung mit zwei Türmen ist auf dem Grundriss des Gebäudes und in den Mauern zu erkennen, die bis zur Höhe der heutigen Gewölbe reichen. Die vollendete Kirche ist ein für das Ostsee-Tiefland charakteristisches Beispiel der Kathedralarchitektur.

Sie wurde im Laufe des Umbaus, der im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts anfing, gründlich umgestaltet. Der ausgeführte Umbau des Chorraums veränderte die Basilika völlig. Die Tragepfeiler des Chorraumschiffes wurden erhöht und der Chorumgang mit Kapellen mit Außenwänden versehen, die zwischen die Stützpfeiler im Innenraum angebracht worden sind. Die Kapellen, die im Zeitraum von 1380-1387 eingeweiht wurden, hatten die gleiche Höhe wie die des Umgangs und des Hauptschiffs. Die höheren Tragpfeiler bekamen die Form eines Achtecks, und die Hallenräume bedeckte man mit dem Kreuzrippengewölbe. Der Chorraum wurde von außen mit einer glatten Mauerfläche abgeschlossen, geteilt durch lange spitzbögige und durch schmale Lisenen gegliederte Fenster. Der Erbauer gewann damit den Effekt eines massiven, in sich geschlossenen Gebäudes, das bereits ein Anzeichen der spätgotischen Ostsee-Architektur war.

Dieser reiche und in der Architektur neuartige Arbeitsumfang hing bestimmt nicht zufällig mit dem Wirken des hervorragenden Stettiner Architekten Heinrich Brunsberg zusammen, der in den Jahren 1380-1420 den Chorraumumbau in den Pfarrkirchen in Stargard und in Königsberg in der Neumark (Chojna) ausgeführt hat. Der Architekt wurde bekannt und erkannt durch Anwendung von besonders dekorativen architektonischen Details an Außenmauern der Kirchen und knüpfte in der reichen Wimperg- Komposition an gotische Altäre an. In der Fassadenverzierung hat man in einem größeren Umfang bunte, glasierte Ziegelsteine in grün, gelb und braun eingesetzt, die mit gebrannten Ziegeln kontrastierten.

Heinrich Brunsberg wurde auch zum weiteren Umbau des Stettiner Gotteshauses angestellt. Er bekam die Aufgabe, am Südschiff Kapellen zu erbauen. Der Architekt hat Arkaden in den Mauern gemeißelt und die Stützpfeiler im Schiff der alten Basilika genutzt, um dazwischen Kapellen anzubringen, die er mit einem Sterngewölbe abgedeckt hat. Die Kapellenfassaden gliederte er mit Lisenen, die mit glasierten Formstücken verziert waren und mit Nischenmotiven, die mit Wimpergen bekrönt waren. Diese Arbeiten wurden um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts durchgeführt.

Im Jahre 1456 ist der Südturm infolge eines Gewitters oder vielleicht eines Blitzschlags eingestürzt und hat die Mauern der Basilika zerstört. Der spätere Wiederaufbau wurde dann nach der Konzeption durchgeführt, die im Chorraum ihre Anwendung fand. Die Basilika wurde zu einer Halle umgebaut. Dafür wurden drei Paar neue achteckige Tragepfeiler und drei Schiffe in der gleichen Höhe gemauert, wobei gleichzeitig die Kapellenmauern auf der Südseite erhöht wurden, wo eine Empore entstand. Sie war mit den in der gleichen Zeit gebauten Galerien über den Umgangskapellen verbunden. Am Nordschiff hat man ebensolche Kapellen gebaut, die viel breiter auf der Südseite waren und in zwei Höhen gelegen sind.

In der 2.Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Marienkapelle auf der Nordseite des Chorraums ausgebaut und auf diese Weise ist ein zweischiffiger Raum entstanden, der mit zwei rundförmigen Tragpfeilern geteilt wurde. Die Tragepfeiler stützen sechs Joche der Kreuzrippengewölbe.

Schließlich hat man mit dem Wiederaufbau des massiven Turms begonnen und auf die alte Anordnung mit zwei Türmen verzichtet. Die alte Konstruktion wurde bis zur Gewölbehöhe der Schiffe bewahrt, und man hat nur noch einen Turm in die Höhe gezogen, der in der Mitte stand. Die entstandenen Sprünge wurden mit Pultdächern bedeckt und mit Trapezgiebeln abgedankt. Die Fassaden des neuen Turms, der mit einem schmalen kegelförmigen Helm geschmückt wurde, hat der Meister Jan Benecke mit spitzbogigen Blenden auf drei Höhen gegliedert. Eine Anregung für solch eine Lösung waren zweifellos Blendendekorationen, die in den Kirchen in Stargard um die Wende vom 14. und 15. Jahrhundert eingesetzt wurden. Den Wiederaufbau des Turms, und gleichzeitig der ganzen Kirche hat man im Jahre 1503 abgeschlossen.

Aus der mittelalterlichen Ausstattung der Kirche ist nichts erhalten geblieben, weil die Kirche in der Neuzeit einige Male schwere Brände erlitten hat. Der erste große Brand ist 1677 aufgrund von Kriegsangriffen ausgebrochen und hat Dächer, Gewölbe und die Innenraumausstattung der Kirche zerstört. Mit dem Wiederaufbau hat man erst 1690 begonnen, indem neue Kreuzgewölbe mit Lünetten angelegt und Polychromien mit einer Kalkschicht verdeckt wurden. Der zerstörte Turmhelm wurde nicht in der alten Form wiederaufgebaut, sondern in Form eines niedrigen Spitzdaches. Den Innenraum hat man mit Kunstwerken gefüllt: mit Altären, einer Kanzel und Emporen. Es wurden auch neue Türrahmen eingesetzt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden viele Bürger der Stadt begraben, und zwar unter den Böden in den Seitenschiffen, im Chorraum und in den Kapellen. Dort wurden Grabepitaphe aufgestellt.

Die nächste Katastrophe traf die Kirche im Jahre 1894, als der geradezu fertig gestellte Turmhelm eingestürzte und die Dächer über den Schiffen und über der Marienkapelle zerstörte. Dabei gingen die beiden Giebel und die Gewölbe verloren. Der Turmhelm mit der Höhe von 119 m, wurde noch im selben Jahr nach dem Entwurf des Architekten Horfeld aus Berlin wiederaufgebaut, der den Turm der Marienkirche in Wismar nachgemacht hat. Es wurden ebenfalls Gewölbe, das Dach und die Giebel der Marienkapelle wiederhergestellt und man hat die fehlenden Formstücke in Portalen, Fenstern, Friesen und Fassaden rekonstruiert. Die Arbeiten hat der Meister Decker unter der Leitung des Architekten Holling durchgeführt.

Die dritte Katastrophe, die größte von allen, ereignete sich am 17. August 1944 während der Bombenangriffe der Alliierten auf Stettin. Die Kirche wurde getroffen und in Brand gesetzt. Das Dach brannte aus, die Gewölbe und das ganze Nordschiff stürzten ein. Ein Teil von versteckten Kunstwerken ist verloren gegangen und die in der Kirche gebliebene Ausstattung im Barockstil wurde völlig zerstört.
Im Jahre 1947 sind Gewölbe über den Chorraum eingestürzt, in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts hat man diesen Teil der Kirche sichergestellt, indem man ihn mit einem Dach abgedeckt hat. Der Südturm wurde ebenfalls gesichert. In Form einer teilweise gesicherten Ruine verblieb die Kirche bis 1971. Dann wurde sie durch den polnischen Staat an die kirchliche Institution übergeben und ein Jahr später mit einer päpstlichen Bulle vom 28.06.1972 zur Hauptkathedrale der Stettin-Kamminer Diözese ernannt.
 
 

Innenraum vor 1944

Nach 1944

nach dem Wiederaufbau

Fragment der Südfassade

Portal

Grundriss

 
 
 
 

Besonderheiten

 
 
 
 
 
 

Nutzung

In der Kathedrale werden oft Konzerte veranstaltet und in diesem Jahr plant man den Einbau einer riesengroßen Orgel. Dadurch wird die Stettiner Kathedrale zu einer der bedeutendsten Orgelkonzertstätten in Polen.
 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

seit 1971 im Besitz der Kirche
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

1972 begann der Wiederaufbau der Kirche nach dem Entwurf vom Architekten Stanislaw Latour und Bauingenieur Miroslaw Hamberg begonnen. Der Entwurf setzte die Rekonstruktion der alten Form der Kirche aus der Zeit vor 1944 voraus, aber man hat auf den Wiederaufbau der Kapellen von der Nordseite und des Turmhelms verzichtet. Die Kapellen haben eine Stahlbetonkonstruktion bekommen und wurden mit einer glatten mit großen Fenstern gefüllten Fassade versehen. Der Turm erhielt ein niedriges Zeltdach, das an die Form vom Ende des 17. Jahrhunderts knüpfte. Das Hauptschiff bedeckte man mit einem Dach , das eine Stahlkonstruktion hatte und worauf Dachziegel gelegt wurden, die man aber 1981 gegen Kupferblech umtauschte. Die Wände und Gewölbe im Inneren der Kirche wurden verputzt.

2004 bereitete Prof. Latour einen Rekonstruktionsentwurf für den Turmspitzhelm sowie einen Entwurf der Turmumfunktionierung in einen Aussichtsturm vor. In den Jahren 2005-2006 wurde in der Kirche eine neue Heizung installiert, indem man den Fußboden um einige Zentimeter erhöhte.

Bald nach der letzten Etappe des Wiederaufbaus wurde begonnen, den Innenraum der Kathedrale mit Kulturschätzen aus der Jakobikirche und mit Kunstobjekten aus anderen Kirchen Pommerns einzurichten. Zur Zeit kann man dort das wertvolle Triptichon aus Ciecmierz bewundern, das aus den Jahren 1380 bis 1390 stammt und in der Kapelle des Heiligen Sakraments ausgestellt ist; den spätgotischen Altar aus Nowe Objezierze von 1520 bis 1530 (in der Taufkapelle); die spätgotische Skulptur Pieta aus Lubniewice (in der Kapelle der Heiligen Barbara und des Heiligen Georg), die Skulptur der Heiligen Maria mit Jesu als Die schöne Madonna vom Anfang des 15. Jahrhunderts aus Mieszkowice (im zentralen Teil des Hauptaltars), das durch Martin Redtel gemalte Triptichon aus dem Jahre 1607 aus der Kirche in Krepcewo (an der Wand über dem Eingang zur Vorhalle auf der Nordseite), das Sarkophag der Familie von Wedel aus dem Jahre 1620 (in der Schusterkapelle) und viele andere wertvolle Kunststücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert.
 
 

Mittelschiff

Marienkirche

 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis