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Sankt Johannes Evangelistkirche, Stettin (Polen)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Die Kirche liegt in der Nähe der Oder, im südwestlichen Teil der mittelalterlichen Stadt. Sie besteht aus Chor und dreischiffigem, siebenjochigem Langhaus, das mit einem gewaltigen Satteldach gedeckt ist. Dessen Giebel sind mit Fialen versehen und an den östlichen lehnt sich ein schlanker, verputzter Dachreiter an. Schon bei oberflächlicher Betrachtung erkennt man den gotischen und zugleich Ordensstil, der sich in der Form des durch Strebepfeiler gestützten, turmlosen Baukörpers ausdrückt. Die Fassaden sind durch spitzbogige Portale und Fenster, die Giebel durch Spitzbogenblenden gegliedert. Friese bekrönen die Mauern. Im Inneren ist der gotische Charakter des Hallenraumes durch die Einteilung in Joche und Schiffe akzentuiert. Der Chorraum besteht aus zwei Zonen, die von spitzbogigen Blendnischen ausgefüllt sind. Dienstsäulchen fließen von den reich gezeichneten Sterngewölben im Langhaus hinab, während in den Seitenschiffen Kreuzrippengewölbe eingezogen sind. Kapellenreihen lehnen sich an die Seitenschiffe.

Bei näherer Betrachtung der Mauern kann man eine Vielfalt an Formen entdecken. Sie sind das Resultat verschiedener Bauabschnitte, welche sich vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hingezogen haben. Ein solch langer Zeitraum wurde durch die finanziellen Bedingungen forciert, die von den armen Franziskanern schwer zu bewältigen waren, denn sie gehörten zu den Bettelorden und waren auf Almosen angewiesen. In Stettin siedelten sie sich im Jahre 1240 an, dank einer Stiftung des Bürgers Barfolt, der den Mönchen eine Parzelle für den Bau des Klosters geschenkt hatte. Über viele Jahre hinweg wohnten die Ordensbrüder in bescheidenen hölzernen Behausungen, die um eine kleine Kirche, ein wenig größer als der heutige Chor, gruppierten gewesen sind. Ende des 13. Jahrhunderts wurden sie von den Stadtmächten gezwungen, ihre Behausungen abzureißen. Der Grund war das Vorhaben der Stadt, in diesem Bereich Befestigungen zu bauen, was eine Ebnung und Hebung des Grundes notwendig gemacht hat. Dies haben die Mönche als Gelegenheit genutzt, um den Bau eines neuen Gotteshauses und Klosters in Angriff zu nehmen. Begonnen wurde mit einem schönen Chor, bestehend aus drei Jochen und einem ausladendem Chorschluss von sieben Seiten eines Zehnecks. Die Innenwände bestehen aus zwei Zonen, von denen die untere durch breite spitzbogige Nischen gegliedert ist. Die Fensterzone ist rhythmisiert durch den Wechsel aus Spitzbogenfenstern und den dazwischen liegenden, von den Gewölben hinunterfließenden Dienstsäulchen, die auf Konsolen ruhen. Weinblattmotive schmücken diese, ebenso wie den Keramikfries darunter. Ein breiter Bogen, Triumphbogen genannt, trennt den Chorraum vom Langhaus. Die von diesem hinunterfließenden Dienste ruhen auf Konsolen, welche von folgenden Details geschmückt sind: Auf der nördlichen Seite sieht man die Gestalt des Baumeisters, auf der südlichen sicherlich die eines Franziskanermönchs (diese Skulptur fehlt leider, da sie im 17. Jahrhundert entfernt worden ist, ähnlich den Friesreliefs über den Nischen.)

Im 14. Jahrhundert ist an den Chor das Langhaus angebaut worden, dessen Inneres durch sechs Paare glatter Achteckpfeiler in Joche eingeteilt ist. Besonders schön sind die Gewölbe im Hauptschiff. Es sind dies vierzackige Sterne, wobei das östlichste und westlichste Joch eine reichere Zeichnung aufweist. Auf diese Weise ist die himmlische Sphäre des Hauptschiffs mit der irdischen Sphäre des in seinem Ausdruck deutlich kargeren Seitenschiffs in Kontrast gestellt. Der einheitliche Hallenraum des Inneren bringt die Idee der Kirche zum Ausdruck, in der die Predigt ein wichtiges Element der Liturgie ist. Der Haupteingang für die Gläubigen befand sich in der Nordwand, jedoch wissen wir nicht wie er aussah, da die beiden Wände im 15. Jahrhundert umgebaut worden sind. Der Umbau bestand darin, das Innere durch sechs Kapellen auf der Nordseite zu erweitern, indem man diese zwischen die Strebepfeiler baute und sie mit dem Seitenschiff durch breite, in die alten Mauern hinein gebrochene Spitzbogenarkaden verband. Auch das südliche Seitenschiff ist durch vier dieser so genannten Einsatzkapellen erweitert worden. In die Eckjoche wurden die Türöffnungen, die die Kirche mit dem Kloster verbanden, gesetzt. Das Innere der Kapellen ist mit Kreuzrippengewölben versehen und wird durch breite, spitzbogige Fenster beleuchtet.

Im Jahre 1428 ist noch vor dem Bau der Einsatzkapellen zwischen Chor und Seitenschiff eine größere Kapelle gebaut worden, welche beide Glieder durch eine breite, spitzbogige Arkade verbunden hat, wofür die Franziskaner 200 Mark vom Stettiner Bürger Hans Dunker erhalten hatten. Diese Kapelle wurde aber im 18. Jahrhundert leider abgebrochen.
 
 

nach Kriegszerstörungen

Oder-Seite

Chorraum und Kirchenschiff

Sterngewölbe

Polychromiefragment

Grundriss

Ansicht

Weintraubenblätter

 
 
 
 

Besonderheiten

Im 15. Jahrhundert sind die Wände des Chores und der Schiffe, sowie die Pfeiler, ebenso wie die Laibungen der Arkaden der oben bereits genannten Kapelle mit Polychromien bedeckt worden. Die Laibungen wurden mit Pflanzenranken bemalt, die Arkaden dagegen mit Darstellungen von Knappen mit Wappenschilden. An der Wandfläche oberhalb der Arkaden haben sich Malereireste erhalten, eine Komposition aus rechteckigen Feldern, die mit Darstellungen der Gottesmutter, des Hl. Lorenz und der Heiligen ausgefüllt sind. Auch weisen Relikte in den Kapellen darauf hin, dass diese bemalt gewesen sind. In der Kapelle auf der südlichen Seite ist eine Darstellung der „Vermählung der Hl. Katharina“ zu sehen, in einer anderen Kapelle auf derselben Seite die eines „Abendmahls“. Von der mittelalterlichen Ausstattung hat sich darüber hinaus die Grabplatte des Ehepaares Rabenstorp erhalten, welche von deren Nachkommen 1378 gestiftet worden war. Sie stellt die stehenden Silhouetten des Ehemannes und der Ehefrau in gotischen, mit Wimpergen und Pflanzenornamenten geschmückten Arkaden dar, sowie die Silhouetten von Heiligen und Inschriften an den Rändern. Die Platte ist ein besonders wertvolles Werk der Steinmetzkunst, so zeigt sie die Antlitze von Bürgern des 14. Jahrhunderts, Kleidung, sowie die Grabsymbolik aus dieser Zeit. Platten dieser Art gab es in der Kirche noch deutlich mehr, wovon erhaltene Relikte zahlreich zeugen, in der letzten Zeit wurden diese im Inneren der Kapellen untergebracht. Aus Quelleninformationen geht hervor, dass hier solch hochwürdige Personen begraben sind wie der Bürgermeister Stettins Johann von Gartz († 1374), sowie Otto von Jageteufel, der Stifter des Stettiner Kollegiums, begraben 1412.

Nach der Auflösung des Klosters hat die Kirche weiterhin ihre Funktion erfüllt, indem sie den Bewohnern der nun im Kloster untergebrachten Erziehungsanstalt diente. 1678 ist das Innere renoviert und den Bedürfnissen der Garnison zugänglich gemacht worden, von der es über hundert Jahre genutzt worden ist. Im Jahre 1701 sind am Ostgiebel ein neuer Dachreiter gebaut, die Gewölbe ausgewechselt und die Dächer repariert worden. 1838 sind die Wände der südlichen Kapellenreihe ausgebessert, im Inneren Anker montiert, die Gewölbe repariert, die Pfeiler verstärkt und eine neue Kapelle an der südlichen Seite des Chores errichtet worden. Arbeiten dieser Art wurden ebenfalls in den Jahren 1841, 1864 und 1878 durchgeführt. Im Jahre 1899 verfügte die Bauaufsicht die Schließung der Kirche, die aufgrund der Abneigung der Pfeiler, verursacht durch eine Absenkung des Grundes, von einer baulichen Katastrophe bedroht gewesen ist. Es wurde der Abbruch des Gebäudes erwogen, dem sich allerdings der Denkmalkonservator entgegen gestellt hatte und so das wertvolle Gotteshaus gerettet hat. Man hat sich seines Schicksals erst 1930 angenommen, indem man die Konstruktion mit einem unter dem Fußboden eingebauten Eisenbetongerüst sicherte. Außen sind die Reparatur der Wände mit Klinkersteinen vorgenommen und die Pflanzenfriese unter den Chorfenstern rekonstruiert worden.

Zusammen mit der Kirche hatten die Franziskaner auch eine Klausur, südlich der Kirche gelegen, gebaut. Aus alten Plänen weiß man, das diese aus drei Flügeln bestand, die um einen Hof gruppiert, und mit ihm durch einen Kreuzgang verbunden waren. Nach der Auflösung des Ordens ist das Kloster zum Armenhaus bestimmt worden. Diese Funktion erfüllte es bis 1678, d.h. bis zur Zerstörung während des schwedisch-brandenburgischen Krieges. Teilweise wieder aufgebaut, hat es bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts gestanden und da ist es auch abgebrochen worden. In den Jahren 1982 bis 1985 haben die Pallotinerbrüder an der Stelle der Klausur ein dreiflügeliges Gebäude mit Pfarrei, Wohnungen und Kapelle erbaut, die vom Architekten Stanisław Latour aus Stettin entworfen worden waren.
 
 

Keramikskulptur

Seerosenblätter

 
 
 
 

Nutzung

Bis heute erfüllt das Gotteshaus seine sakrale Funktion, indem es den Einwohnern Stettins dient.
 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

In den letzten Jahren wurde eine Überholung durchgeführt, die Dachbedeckung wurde ausgewechselt und die Arbeiten am Langhaus wurden fortgesetzt. Auch sind die Polychromien konserviert worden. Weitere Konservierungsarbeiten, verbunden mit der Renovierung der Mauern und dem Inneren des Objektes, sind in Planung.

(aus dem Polnischen von Magdalena Donczyk)
 
 
 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis