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Pfarrkirche St. Marien, Anklam (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Eine Kirche am Stadtrand

Blickt man auf Anklam, etwa von Ziethen aus über das weite Peenetal, dann hebt sich der mächtige Dachrücken der Marienkirche noch immer imposant über die Firste der Häuser wie seit fast 700 Jahren. Daneben ragt der Turmschaft auf, heute unter einem Satteldach von 1947. Erst wer die Stadt bereits fast erreicht hat, nimmt wahr, daß die größte Pfarrkirche sich nicht in der Mitte der Stadt, am Markt, sondern fast am Rande des Peenewerders erhebt. Auf der Südseite streicht die von Westen kommende alte Fernstraße, die "Keilstraße", am Kirchhof entlang. Auf der Nordseite besetzt der Neubau der Sparkasse heute eine frühere Bucht des Peenetales, an deren Hang zwar seit altslawischer Zeit gesiedelt wurde, doch spätestens seit dem Dreißigjährigen Kriege nur noch ein Pestfriedhof lag, dann der "Pferdemarkt".

Eine solche Randlage läßt fragen, wer hier an einer Kirchgründung interessiert gewesen sein könnte. Anders als viele mittelalterliche Städte mit einer Nikolai- und einer Marienkirche besaß Anklam wohl keine zwei Stadtkerne deutschen Rechts. Marktkirche, Kirche der Kaufleute und des Rates war zweifellos die Nikolaikirche. Und die Marienkirche?

Drei Gedanken helfen vielleicht weiter.

Gerade hinab zur Peene führt vom Markt die "Burgstraße"; westlich davon soll eine slawische Burg gelegen haben. Wann die Burg aufgegeben wurde, ob die pommerschen Herzöge sie noch nutzten, wissen wir nicht. Die Nähe zur Burg mag aber der Grund sein, daß in der nordwestlichen Stadt besonders große Höfe lagen, deren Eigentümer später jedenfalls Patrizier waren. Von einem solchen Hof haben sich noch Fassadenreste dreier Häuser des 14. Jahrhunderts erhalten, um die Ecke der Frauen- zur Mägdestraße. Im Spätmittelalter standen auch nördlich der Kirche an der Straße Steinhäuser. War St. Marien also anfangs Kapelle oder Kirche einer Burgsiedlung, so wie St. Marien in Stralsund die Hofkirche St. Peter und Paul der Rügenfürsten ablöste?

Um die Odermündung lagen im Hochmittelalter etliche slawisch-skandinawische Frühstädte, darunter Groswin an der Peene, das die Dänen 1185 zerstörten. Spuren slawischer Siedlung im Anklamer Stadtboden, vor allem an der einstigen Peenebucht unterhalb der Marienkirche werden als Reste Groswins gedeutet. Als Otto von Bamberg 1128 die Peene befuhr, wird Groswin nicht erwähnt, doch scheint 1179 eine Kirche vorhanden gewesen zu sein. Führte die Anklamer Marienkirche also die kirchliche Tradition dieser slawischen Frühstadt fort, wie St. Peter in Rostock über dem Wendentor, heute in ähnlicher Randlage der Stadt?

An der Südseite der Kirche führte die Fernstraße hoch über der Peene hinaus nach Stolpe, zum ältesten Kloster Pommerns, das in Anklam nicht nur das Patronat über beide Pfarrkirchen besaß. Der Abt von Stolpe war bis nach 1300 zugleich Archidiakon, Richter im "Send", dem geistlichen Gericht (über moralische und Glaubensverfehlungen). Vieles spricht dafür, daß dieses Gericht an der Marienkirche gehalten wurde, ähnlich wie in der Westvorhalle von St. Marien in Greifswald. Sorgte also der Abt von Stolpe dafür, die Kirche unweit des "Stolper Tores" zu errichten, wo er in die Stadt einzuziehen pflegte?

Am Ort der Klosterkirche in Stolpe sieht man heute noch das Untergeschoß eines breiten Westriegels, der für zwei Turmspitzen angelegt war. Auch die Marienkirche sollte zwei Türme erhalten als Hoheitssymbol der Abtei Stolpe? Der Bau ist am Ende allerdings nicht gelungen. Der Nordturm, zu nahe am Peenehang geplant, mußte immer wieder aufgegeben werden. Die Geschichte der Turmprojekte aber ist vielleicht das spannnendste an der Baugeschichte dieser außergewöhnlichen Kirche.

Bis zur Reformation

Um 1270-90: der Chor die älteste Backsteinkirche in Anklam

Es hat noch nie eine archäologische Grabung in der Kirche stattgefunden. Wir wissen daher nicht, ob sich unter dem Fußboden vielleicht die Spuren einer frühen hölzernen Kirche oder eines Feldsteinbaues finden. In einem solchen Vorgängerbau mögen die ersten bekannten Pfarrer Anklams, Gerhard 1257 und Christian 1267 amtiert haben. Vielleicht war da mit dem Backsteinbau eben begonnen worden.

Sichtbar erhalten als ältester Bau ist jedenfalls das langgestreckte Rechteck des heutigen Binnenchores, ein sogenannter Saalchor. Seine Außengestaltung zeigt eine seltsame Kombination romanischer und gotischer Elemente, charakteristisch für die pommersche Backsteinarchitektur der Jahrzehnte vor 1300, wie z.B. an St. Spiritus in Greifswald.

So sind einerseits die östlichen (und ehemals wohl auch die westlichen) Kanten noch durch flache Lisenen betont, zwischen denen der Sockel mit feinem glasiertem Profil abschließt. Oberhalb der Gewölbe des später angefügten Chorumganges hat sich noch ein glasierter Rundbogenfries in Resten erhalten, eines der letzten Beispiele dieses Leitmotivs der lübisch-mecklenburgischen Backsteinromanik (und das östlichste überhaupt bekannte) - leider für Besucher nicht zu sehen. Er entspricht genau der einstigen Hofkirche der Herren von Putbus in Vilmnitz, auf Rügen.

Die Mauern waren nicht einmal halbhoch gediehen, als zur Vorbereitung einer Wölbung nicht nur innen Gewölbetaschen vorbereitet, sondern auch außen zusätzlich Strebepfeiler angesetzt wurden. Als die Mauerkrone erreicht war, hatte man sich entschieden, am westlichen Strebepfeilerpaar später ein mehrschiffiges Langhaus anzusetzen, dafür wurde hier der Fries auf den Pfeiler umgekröpft.

Typisch für gotische Bauten, erstmals im Ostseegebiet wohl an der Lübecker Marienkirche in den 1270er Jahren ausgeführt, ist auch das umlaufende Kaffgesims auf Sohlbankhöhe der Fenster. Die Laibungen der Fenster waren innen wie außen mit "Viertelstab"-Steinen eingefaßt, wie sie gleichfalls in Lübeck schon in den 1260er Jahren aufgekommen waren. Die Gewändeprofile wurden später herausgebrochen. Jedenfalls können die Fenster nur zweibahnig gewesen sein.

Dem spitzbogigen Portal von Süden, dem heutigen Südeingang in den Chorumgang gleich gegenüber, entspricht spiegelbildlich ein Portalfragment im Norden. Das läßt fragen, ob dieser Chor anfangs überhaupt die ganze Kirche war. Denn nur der Laienraum einer Kirche besaß um diese Zeit in der Regel zwei oder mehr Portale, vielleicht noch in der Tradition des Hochmittelalters im Süden für Männer, im Norden für Frauen. Oder sollte hier dem Kirchenpatron und Archidiakon, dem Abt von Stolpe, ein eigenes Portal in den Chorraum vorbehalten gewesen sein?

Mit dichter Reihung von Rundprofilen, gemauert in Wechselschichten mit glasierten Steinen, gehören die Portale noch in die frühe Gotik. Während das Südportal aber je sieben zierliche Stäbe mit tiefen Kehlungen zeigt, ähnlich einem Portal in Chorin, zeigt das Nordportal im Wechsel zwei Formsteine der Lübecker Frühgotik: doppelten Viertelstab und die "doppelte Welle", nur ein Zufall, weil auf dem Ziegelhof eben der eine Ziegler von einer märkischen Ziegelei kam, und der andere einen Satz Schablonen aus Lübeck oder Rostock dabeihatte? Oder weil die Auftraggeber auf Formen aus ihren Herkunftsorten bestanden?

Eine Besonderheit sind nicht nur die Kämpferbänder in der Form von Stundengläsern, sondern vor allem die keramischen Köpfchen in den Kehlen des Südportals. Ihre primitiven Gesichtszüge erinnern an Holzschnitzerei, auch solche aus vorchristlicher Zeit. Die zwölf Apostel? Am Nordportal gibt es sie nicht.

Der älteste Bau ist ganz aus gut geformten, tiefroten Backsteinen gemauert (nur am Portal gut zu sehen), wie man sie nur im 13. Jahrhundert in Anklam kannte, zu finden auch an den ältesten Partien von Steintor und Pulverturm.

In der südlichen Außenmauer des heutigen Chorumganges ist ein niedriger Mauerabschnitt aus den gleichen roten Ziegeln zu sehen, mit zwei (vermauerten) Fenstern, Lisenen an den Kanten und einem Winkelfries. Offenbar sprang hier eine Sakristei südwärts vor.

Vom abgebrochenen Ostgiebel (über den Gewölben, nicht zu sehen) hat sich auf beiden Seiten noch je ein quadratischer Pfeilerschaft mit Kanten aus kleeblattförmigen Rippensteinen erhalten, wohl den gleichen, mit denen auch eingewölbt wurde.

Um1285+/-10 wurden die Kiefern des Chordachwerkes gefällt. 1296 wird die Marienkirche ausdrücklich erstmals genannt. Als einziges Ausstattungsstück hat sich ihr Taufbecken erhalten, eine der schönsten Gotländer Kalksteinarbeiten in Norddeutschland.

Um 1300/10: Baubeginn des Langhauses, erstes Turmprojekt

Als nicht einmal eine Generation später ein weitaus größeres Kirchenprojekt begonnen wird, hat man offenbar eine neue Tonlagerstätte erschlossen: die Steine sind jetzt bräunlich bis ockerfarben, und solche Ziegel werden in Anklam von nun an charakteristisch bleiben.

Es beginnt der Bau einer dreischiffigen Hallenkirche, das Mittelschiff an den ältesten Saalbau anschließend, der nun als Chor dient. Die Abbruchflächen der älteren (um ein Joch verkürzten?) Chormauern werden vom östlichsten Pfeilerpaar ummantelt, das bereits als halbes Achteck den später ausgeführten Pfeilertypus vorgibt, aber noch ein altmodischeres Sockelprofil zeigt. Zugleich wird erst einmal die Nordmauer hochgezogen. Sie zeigt, daß das Langhaus anfangs in nur fünf Jochen Länge geplant war.

Wie bei den großen Stadtpfarrkirchen um 1300 üblich, erhielt das Langhaus vier Portale. Davon sind hier nur die beiden Nordportale erhalten, mit den typischen gebündelten Stabprofilen der Hochgotik und ohne Kämpfer. Wie so oft, ist das östliche dieser Portale prächtiger ausgebildet, hier mögen reichere Bürger, vielleicht gar der Rat in die Kirche eingezogen sein. Als nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts der Stadtrand nördlich der Kirche verödete und zum Pestfriedhof wurde, hat man sie vermauert. Dadurch blieben sie unverändert erhalten.

Der regelmäßige Takt der Strebepfeiler läßt die geplante Wölbung in fünf schmalen Jochen erkennen. Auf Sohlbankhöhe der Fenster zieht ein Kaffgesims um den Bau.

Jedes Wandfeld erhielt ein vierbahniges Fenster, mit Wulst- und Wellenprofilen eingefaßt. Innen reichen die Laibungsnischen bis zum Boden herab, ihre Kanten gleichfalls profiliert. Derart breite, prächtige Fenster waren im frühen 14. Jahrhundert noch neu und ungewohnt, ihre Lichtflut sollte bald die Farben der bemalten Pfeiler leuchten lassen. Den Zeitgenossen wird auch der Preis für das Glas imponiert haben.

Für die Einwölbung wurde in jeder Pfeilerachse ein Dienstbündel vor der Außenwand hochgezogen. Sein tiefgekehltes Wellenprofil erinnert an die monumentalen Bündelpfeiler im Chor der Anklamer Nikolaikirche, doch hier auf Normalformat reduziert.

Im Westen geht die Nordmauer ohne Baunaht in ein viele Meter starkes Mauerwerk über, das auf der Nordseite als Pfeiler weit vorspringt. Nach seiner Mauerstärke kann es nur die Ecke eines geplanten Turmes sein. Und wenn der Turm so weit nach Norden vorspringt, kann nur ein sehr breiter Riegelturm geplant gewesen sein, was um 1300 aber schon sehr altertümlich gewesen wäre oder aber ein Turmpaar. Tatsächlich fällt das Projekt in eine Zeit, als in den Seestädten an mehreren großen Pfarrkirchen Doppeltürme begonnen worden waren. In Rostock, St. Marien vielleicht schon um 1280, in Wismar, St. Marien gegen 1290, in Lübeck, St. Jacobi vor 1295, St. Marien ab 1304, in Stralsund, St. Nicolai ab 1318. Auch in Anklam traute man sich jetzt offenbar den Kraftakt solch eines riesigen Bauprojektes zu, für das Millionen von Backsteinen gebrannt und vermauert werden mußten, Tausende von Kubikmetern Kalkmörtel importiert und angemacht. Bekanntlich sind nur die Lübecker Marientürme damals fertig geworden. Nach dem Aufsetzen der Helme 1351 waren sie die höchsten Bauwerke der bekannten Welt.

Es scheint, daß zunächst nur die Ostmauern des Turmpaares ausgeführt wurden, immerhin bis zur Dachfußhöhe des Langhauses. Man hatte wohl erkannt, daß am Rande des festen Baugrundes Setzungen zu erwarten waren. Der Boden sollte durch die Auflast der Turmmauer schon verdichtet sein, bevor man weiterbaute, damit nicht das letzte Langhausjoch zerriß, ein Zeichen statischer Klugheit, die Baumeister der Gotik so oft auszeichnete. Heute ist nur noch die Nordostecke erhalten, soweit sie über das Kirchenschiff hinaussteht. Deutlich ist vom Kircheninneren her in ganzer Schiffshöhe zu erkennen, wie man bei Verlängerung des Langhauses das Turmmauerwerk abgestemmt hat, durch das später noch ein Fenster gebrochen wurde. Auf der Südseite steht genau auf derselben Stelle wie diese Turmecke die Wendeltreppe des folgenden Bauabschnittes: hier benutzte man offenbar das starke Turmfundament weiter.

Anders als die üblichen Türme an den Kirchen der Seestädte waren diese ersten Anklamer Doppeltürme nicht als glatte Kuben geplant, sondern mit starken Vorlagen umstellt, wohl aus Sorge wegen des riskanten Bauplatzes unmittelbar über dem Hang zum alten Peenetal. Die Kanten der ausgeführten Vorlage sind noch mit diagonalen Strebepfeilern verstärkt. Dazwischen sind die Ansichtsflächen der Pfeiler als Blenden zwischen Rundprofilen eingetieft, mit je einem Mittelstab, und ursprünglich wohl durch Paare kleiner Formsteingiebel bis zur Traufhöhe des Schiffes in vier "Geschosse" gegliedert gewesen. Leider hat diese Architektur bei der Beschießung Anklams 1675 sehr gelitten und wurde nicht bzw. falsch wiederhergestellt.

Solche gegliederten Türme baute man im hochgotischen Kathedralbau Westeuropas. Im Backsteinbau des Nordens, wo man das französische Strebewerk durchaus kannte, hat man eigentümlicherweise kaum jemals versucht, auch Türme durch Aufgliederung leichter und höher zu bauen. Außer diesem, erst jüngst erkannten Anklamer Turmprojekt ist nur das Doppelturmprojekt am Brandenburger Dom zu nennen, wohl gleichfalls aus dem frühen 14. Jahrhundert. Auch dort ist man, wohl gleichfalls wegen des schwierigen Baugrundes, über blendengeschmückte Vorlagen mit diagonal gestellten Strebepfeilern bis zur Dachfußhöhe nie hinausgekommen.

Tatsächlich wissen wir nicht genau, wie weit man in Anklam wirklich gekommen war. Nach Westen endet gerade in der östlichen Flucht des heutigen Westbaues das älteste Turmprojekt mit einer "stehenden Zahnung". Man hatte demnach die Absicht, die ausgeführten Osthälften der geplanten Türme später durch Westhälften zu vollständigen Türmen zu ergänzen. Der Südturm scheint erst in den Fundamenten angelegt worden zu sein.

Schon im folgenden Bauabschnitt wurde der größte Teil der ausgeführten Turmmauern aber wieder abgebrochen, als man sich entschied, das Langhaus um ein Joch nach Westen zu verlängern. Das läßt ahnen, wie rasch die Bevölkerung wuchs, welche Aufbruchstimmung hier herrschte im frühen 14. Jahrhundert.

Um 1310-20: Vollendung des Langhauses, zweites Turmprojekt

Nach der Entscheidung zur Verlängerung, nach dem Abbruch der schon errichteten Turmmauern wurde auch die Südmauer zügig hochgezogen, gegliedert wie die Nordmauer. Über der alten Turmecke wurde statt eines Strebepfeilers auf achteckigem Grundriß ein Treppenturm mit runder Wendeltreppe aufgeführt. Das war nötig, um den Dachraum zu erreichen, solange noch kein Turm bestand. Wohl der Symmetrie zuliebe hat man dann auch nahe der Südostecke den ersten Strebepfeiler als Sechseck ausgebildet. Damit konnte kaschiert werden, daß die Ostecken des Langhauses wegen eines Vermessungsfehlers der ersten Bauphase einander nicht gegenüberstanden.

Alle fünf Pfeilerpaare im Schiff wurden gestellt und mit den Arkadenbögen überspannt. Die engere Jochstellung der vier östlichen Pfeilerpaare geht noch auf die Einteilung des ersten Bauabschnittes zurück; das westlichste Paar wurde auf das Turmfundament gestellt. Anders als man es an der Ostwand vorbereitet hatte, erhielten die Pfeiler hohe profilierte Granitsockel. Auffällig ist auch, daß hier in den Arkadenbögen der Pfeilerquerschnitt fortgeführt wurde, nur von schmalen Kämpferleisten unterbrochen, man vergleiche dagegen die Arkaden in der Nikolaikirche, und zahlreichen weiteren Kirchen des späteren 14. Jahrhunderts wie etwa Wolgast, St. Petri!

Dann konnte das Dachwerk gezimmert werden. Fast vierhundert Kiefern wurden im Winter 1314/15 gefällt. Über die Mauerkronen der Arkaden wurden Schwellen und Dachbalken verlegt, Ständerreihen gestellt und mit Rähmen gesichert. Mächtige Kopfbänder verbinden jedes Ständerpaar mit einem quer darübergelegten Dachbalken. Diese Joche überspannen einen imposanten, je zehn Meter hohen und breiten Hallenraum im Dach (für Besucher leider nicht zu sehen). An diesen Hallenrahmen sind seitlich Halbdächer angelehnt und ein Kreuzstrebendach darübergestellt. So konnte mit Kiefern, die doch selten mehr als 11, 12m lange gerade Stämme bilden, das gewaltige Dach mit mehr als 20 m messenden Dachschrägen gezimmert werden.

Solche Hallenrahmendächer sind eine Erfindung der jungen ostdeutschen Städte des 13. Jahrhunderts, deren, im Verhältnis zu den Städten im Altreich - wenige Pfarrkirchen mit rasch wachsenden Gemeinden außerordentlich große Grundflächen benötigten. Erst mit solchen Dächern wurde es bald nach 1300 möglich, die weitläufigen Hallenräume wirtschaftlich zu überdachen, ein Bautyp war geboren, der mit geringen Abweichungen im 14. Jahrhundert dann in den Städten des Ostens überall gebaut werden sollte. Nach den schweren Kriegsschäden gerade in dieser Region sind allerdings heute nur noch drei frühe Beispiele erhalten: die Stiftskirche von Bützow und die Anklamer Marienkirche, beide aus demselben Jahre, sind die ältesten.

Wie üblich, konnten die Giebel erst gemauert werden, wenn das Dachwerk gerichtet war. So mußten die Dachräume vorläufig gegen das Wetter geschützt werden: das erste und das letzte Gespärre wurden als Fachwerke ausgegittert und mit Brettern beplankt. Das ist anhand der Holzverbindungen heute noch zu erkennen.

Im frühen 14. Jahrhundert wurde die Technik der französischen und englischen Kathedralen, auch des Kölner Domes, den Schub der kühnen gotischen Gewölbe durch eiserne Ring- und Spannanker aufzufangen, an der Ostsee eben erst bekannt. In der Anklamer Marienkirche hat man sie noch nicht angewandt mit dem Ergebnis, daß die Außenmauern trotz der Strebepfeiler heute deutlich auswärts gekippt stehen, stärker noch die Pfeiler, und die Gewölbe entsprechend zerrissen waren (erst in den letzten Jahren wieder geschlossen). Wegen dieser Schubkräfte mußte vor allem die Westmauer von Anfang an ein starkes Widerlager besitzen. So wurde mit dem Abschluß der Halle zugleich wieder ein Turmpaar begonnen, nun um ein Joch weiter westlich.

Von diesem zweiten Doppelturmprojekt ist der Südturm bis über die Dachschräge des Langhauses vollendet worden und erhalten. Man sieht ihn nur kaum Er wurde in einer dritten Turmbauphase von drei Seiten ummantelt und um zwei weitere Geschosse erhöht. Nur von Südosten, über das Dach hinweg, erkennt man den eingemauerten Turm an seinen Kantenlisenen und einer kleinen, altertümlichen Doppelluke, darüber einer Maßwerkblende, die verrät, daß wir doch schon im 14. Jahrhundert sind. Solche kleinen Lukenpaare sind auch zu den anderen Seiten in mehreren Turmgeschossen nachweisbar, heute nur von der Treppe im Turm aus zu sehen.

Diese Treppe ist ebenso außergewöhnlich. Ähnlich wie in der Prenzlauer Marienkirche steigt sie in geräumigen, geraden Läufen um einen vierkantigen Mauerkern auf - so großzügig, daß man sich fragt, ob sie etwa zu einem repräsentativen Raum im obersten Turmgeschoß führen sollte, wie ihn der älteste Turm der Lübecker Marienkirche heute noch besitzt. Im Turm der Lübecker Petrikirche hatte der Rat schon früher diplomatische Verhandlungen geführt und Urkunden ausgestellt. War auch hier ähnliches geplant, etwa durch den Patron, den Abt von Stolpe?

Das ganze macht einen altertümlichen, "romanischen" Eindruck, ist aber tatsächlich unter die romanisierenden Stiltendenzen des frühen 14. Jahrhunderts einzuordnen, die sich von Gotland bis Lübeck um diese Zeit überall finden und schon manchen ortsfremden Kunsthistoriker in die Irre geführt haben. Vielleicht sollte mit der bewußt altertümlichen Gestaltung der Turmfront auch auf die besondere Würde der Abtei Stolpe als ältesten Klosters in Pommern verwiesen werden. Nahm doch der Abt als Archidiakon wohl vor dem Westportal, unter der Kulisse dieser Turmfront, sein Richteramt wahr.

Daß spiegelbildlich auch ein Nordturm zumindest begonnen und bis zur Traufhöhe des Schiffes errichtet war, läßt sich noch an der erhaltenen Lisene an seiner Nordostkante erkennen. Erhalten hat sich dort auch noch ein kleiner Abschnitt des ursprünglichen Kaffgesimses, wie es identisch auch am Südturm zu finden ist (und am verstärkten Turm des dritten Turmprojektes nochmals wiederholt wurde). Nur anderthalb Meter weiter westlich bricht auch dieser zweite Nordturm heute wieder ab. Daß er aber schon weiter aufgeführt war, das beweisen nicht nur Sockelquader aus Granit, sondern auch die typischen Formsteine, wiederverwendet in großer Zahl in der heutigen Marienkapelle an der Nordwestecke.

Aus einer Planung mit diesen schlanken Türmen stammt auch der heutige Westgiebel. Daß er älter ist als die Ummantelung des Südturmes, sieht man deutlich an der abgedeckten seitlichen Blende des Mittelfeldes. Für den Nordturm ist auf der Höhe, die heute über das Schleppdach der Marienkapelle hinaustritt, eine "stehende Zahnung" vorbereitet. Zwischen den Türmen war bis zur Höhe des Mittelschiffes, vor dem Westportal, eine gewölbte Vorhalle vorbereitet, mit einem Schleppdach fast so hoch wie das jetzige (zu sehen nur oberhalb der heutigen Gewölbe). Darüber drängen sich bis genau unter den Giebelumriß drei dreibahnige Blenden mit jeweis zwei oder drei Scheitelkreisen, eine typische Gliederung für die ersten Jahrzehnte nach 1300, als sich überall im Norden auch das dreibahnige Fenster durchgesetzt hatte. Von den komplizierten Maßwerkfüllungen, die über solchen Dreilanzettgruppen nach westlichen Vorbildern etwa an den brandenburgischen Klosterkirchen ausgeführt wurden, sind die Anklamer Kreisblenden aber doch nur ein ferner Abglanz.

Eine andere, reichere Blendgliederung zeigt der Ostgiebel des Langhauses. Hier streben auf beiden Seiten vom Dachfuß je drei breite Blenden gegen den Dachrand. Das klassische Maßwerkmotiv - zwei spitzbogige Lanzetten und ein Scheitelkreis unter spitzem Deckbogen, wird in jeder Hochblende verdoppelt und unter einem großen Scheitelkreis zusammengefaßt. Zwischen diesen Blendbahnen aber entdeckt man dort, wo an anderen Giebeln dieser Zeitstufe noch Pfeiler vortreten, extrem schmale Zwischenblenden; und in der Achse des Giebels ein Paar davon. Solche Freude am rhythmischen Wechsel, mit Betonung der Giebelmitte ist typisch für die pommersche Backsteingotik in den Jahrzehnten um und nach1300.

Übrigens :ein Blick auf die Fragmente in der Trauffassade des "gotischen Hauses" an der Frauenstraße gegenüber zeigt das Maßwerkmotiv in genau derselben Ausführung, auch mit umlaufender Fase, als Blende am Obergeschoß. Auf ihrem Putz wurden vor wenigen Jahren noch schwache Reste einer gemalten Madonnenfigur gefunden. An der Kirche ist heute ursprünglicher weißer Putz nur noch unter dem später erhöhten Chordach erhalten. Dort allerdings sind keine Ritzungen oder Farbspuren zu erkennen.

Und noch etwas. Der Strebepfeiler an der Nordostkante der Marienkirche besitzt noch den nach Mauerwerksresten restaurierten oberen Abschluß durch ein allseitig eingenischtes Fialtürmchen. Der eigentümliche hinterkehlte Formstein, der hier die Kante bildet, tritt erstmals an den Fialen der Obergadenbrüstung in der Lübecker Marienkirche wohl schon um 1290 auf, bald nach 1308 dann an den Pfeilerfialen des Chorscheitels der Stralsunder Nikolaikirche, um 1315 hier und an der Anklamer Nikolaikirche. Solche Details lassen uns ahnen, daß es einzelne Menschen waren, deren Wanderleben von Stadt zu Stadt, von Baustelle zu Baustelle wir am Ende die Backsteingotik verdanken.

Kehren wir in die Kirche zurück. Ihre Pfeiler sind zwischen Sockel und Kämpferband nur an den Achteckkanten mit schmalen vorstehenden Leisten versehen, an die der Putz anläuft. Es entsteht der Eindruck, daß genau das überhaupt der Zweck dieses so schlichten wie ungewöhnlichen Profils ist: die Putzfelder exakt zu begrenzen. Auf diesem Putz wurde nun in den späten 1930er Jahren eine sensationelle Entdeckung gemacht: freskal, also in die frische Mörtelfläche gemalte großformatige Ornamente, in einem eigentümlich romanisierenden Stil, für den damals jegliche Vergleichsbeispiele fehlten. Erst nach dem Luftangriff 1942 sollte im Hochchor der Lübecker Marienkirche aus der Zeit um 1320/30 ein ähnlicher "Teppichdekor" entdeckt werden. Die Anklamer Ornamente sind teilweise (meist auf der Nordseite der Pfeiler) ausgezeichnet erhalten, zu unterscheiden von den lasierenden Ergänzungen des Restaurators Hoffmann an den intensiven Farbtönen. Bald nach dem Kriege sollte der Greifswalder Kunsthistoriker Berckenhagen die Verwandtschaft der zeitgleich gemalten Heiligenbilder an einigen Anklamer Pfeilern mit denen in der Stralsunder Nikolaikirche von etwa 1330/40 bemerken. In Unkenntnis der zeitlichen Reihenfolge sprach er noch von einer "Stralsunder Malerschule". Heute, vor allem im Blick auf die überwältigende Erfindungsfreude der Anklamer Ornamente, dürfen wir eher "Anklamer Werkstatt" sagen.

Die Kirche wurde wohl ohne lange Verzögerung eingewölbt. In der nun von Baustelle zu Baustelle sich rasch ostwärts ausbreitenden Technik der hochgotischen Kreuzrippengewölbe, deren Stabilität aus der kuppelartigen "Busung" und dem geringen Gewicht der nur noch einen halben Stein starken Kappen resultiert.

Auch diese Gewölbe wurden farbig bemalt: azuritblaue und oxydrote Rippen im Wechsel, wie in der Lübecker Briefkapelle um 1315, hier aber auch noch mit den ursprünglichen Bordüren aus Kreuzblättchen im Mittelschiff und großen Krabben im Seitenschiff. Von einem überraschenden Dekor zeugen heute nur noch die ursprünglichen Haken in den Rippen des Mittelschiffes: Zierscheiben, wohl wie in dem letzten heute noch erhaltenen Beispiel solchen hochgotischen Gewölbedekors, im mecklenburgischen Mestlin zu rekonstruieren, als runde, beschnitzte und bemalte Keramikscheiben. Seit die Haken hier wiederentdeckt wurden, hat man sie auch in anderen Kirchen gefunden: von Sülze bis Eldena. Erst mit diesen wie Blüten prangenden Scheiben an den vielfarbigen Rippen des Mittelschiffes, die aus dem bunten Wechselspiel der wie mit Teppichen behängten Pfeilern entspringen, wird der volkskunsthafte Farbenrausch des hochgotischen Raumbildes ganz vorstellbar. Hinzu kommen noch Scheiben, die in freier Verteilung aus Löchern der Kappen hingen und wahrscheinlich Sterne darstellten, und Schlußscheiben mit unbekanntem Motiv.

Dazu hat man sich die Umfassungswände gekalkt und mit einem großformatigen, rotlinigen Quaderfugendekor vorzustellen, wie er etwa in Lübeck, St. Katharinen heute als Originaloberfläche wieder freigelegt wurde (Reste hier u.a. an der Nordwand im letzten Joch zu sehen). Übrigens ist die Anklamer Marienkirche die einzige Kirche der Backsteingotik, an der diese Bemalung der Kirchenwände heute noch nachweisbar auch auf die Außenwände zog: unter dem Dach einer der früh angebauten Kapellen der Südseite (für Besucher nicht zugänglich) haben sich noch die Reste einer solchen Kalkung, 0,3m breit mit roten doppelten Fugenlinien um den äußeren Fensterbogen erhalten, desgleichen auf dem innersten Profil, dazwischen der Wulst ganz in Rot gefaßt.

Um 1320: Erhöhung und Wölbung des Chores

Zum Abschluß des Langhausbaues wurde der alte Saalbau als Chor erhöht, und nach dem Durchbruch zum Langhaus wieder eingewölbt. Diese Erhöhung war schon erfolgt, das Dach bereits gerichtet, als der Ostgiebel des Langhauses dagegen gemauert wurde.

Die Ausmalung der Chorgewölbe mit Bordüren an den Rippen (bisher nur erkundet und gesichert) schließt an das System des Mittelschiffs an, aber ohne Zierscheiben. Unter dem Triumphbogen sind Prophetenfiguren in Medaillons aufgereiht ähnlich der Bemalung der Scheidbögen des Langhauses.

14./15. Jahrhundert: Kapellen auf der Südseite

Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurden auf der Südseite, die Nordseite war wohl schon damals weniger geschätzt, die Felder zwischen und neben den Portalen mit Kapellenanbauten erweitert. Man brach die Fenster aus, verlängerte die Strebepfeiler und schloß die Außenseite in einer Flucht. Zum Ausgleich des Lichtverlustes wurden diese Kapellen sogar mit fünfbahnigen Fenstern versehen. Ihre Auftraggeber dürften wie in den Seestädten vermögende Familien gewesen sein. Anders als im Süden, wo Patrizier sich private Hauskapellen leisteten, investierten die reichsten Hansekaufleute in Privatoratorien, zugleich Familiengrablegen, an ihren jeweiligen Pfarrkirchen und demonstrierten damit vor aller Augen Frömmigkeit und Wohlstand.

Die vermutlich jüngste dieser drei Privatkapellen ist durch ein Sterngewölbe ausgezeichnet, wie es vor allem im Ordensland unter dem Einfluß englischer Vorbilder im 14. Jahrhundert entwickelt worden war. Die Kapellen erhielten im Inneren individuell unterschiedliche Ausmalung; besonders sticht die östlichste mit ihren Prophetenbildern in Medaillons ähnlich dem Triumphbogen hervor.

Als dann, wohl erst nach 1400, auch die beiden Portale durch Vorhallen einbezogen waren, hatte die Marienkirche auf der Schauseite zur Fernstraße hin den glatten, kristallinen Außencharakter erreicht, wie er ab der Mitte des 14. Jahrhunderts bei Kirchenneubauten durch das System der Einsatzkapellen modern geworden war.

Eine Kapelle des Evangelisten Johannes bestand bereits 1409. Die westlichste Kapelle war 1423 von Johan Moyge und seiner Mutter erbaut; sie stifteten dazu in diesem Jahre eine ewige Vicarie.

Während das westliche Südportal des Langhauses jetzt aufgegeben war (der Sockel läuft durch), wurde in der neuen Flucht wiederum ein östliches Südportal angelegt, nun wohl das eigentliche Gemeindeportal (nicht zu verwechseln mit dem Chorsüdportal, durch das wir heute die Kirche betreten, das damals aber wohl noch der Geistlichkeit vorbehalten war). Dieses neue Laienportal ist eigentümlich eng, aus großen Werkziegeln gearbeitet, die an die Werkziegel der Nikoilaikirche erinnern und wohl auch von dort bezogen sind. Die Marienziegelei hat dagegen, wie es an der Küste üblich war (Ausnahme: Stralsund) die Formsteine durchweg aus Normalformaten gearbeitet.

Um 1350-1400: das dritte Turmprojekt

Wohl gleichfalls noch im 14. Jahrhundert gab man schließlich die zweite Doppelturmplanung auf. Dafür erhielt jetzt der Südturm, der schon zwei Geschosse höher gediehen war, nach den drei freien Seiten eine Ummantelung, die 1423, als die anschließende Kapelle auf der Südseite gebaut war, jedenfalls schon ausgerüstet gewesen sein muß. Diese Verstärkung machte ihn zu einem der kräftigsten Türme in den Ostseestädten überhaupt Voraussetzung, um zwei weitere Geschosse aufzusetzen und einen spitzen Helm.

Eigentümlich ist, daß an der Nordseite des verstärkten Turmes in derselben Höhe wie die schon früher geplante Wölbung einer Vorhalle zwischen den Türmen erneut Schildbögen für eine zweijochige Einwölbung ausgeführt wurden (Vermauerung von außen teilweise über dem heutigen Dach zu sehen, sonst nur im Dachraum). Offenbar sollte noch immer der Raum zwischen den Türmen eingewölbt werden. Mehr noch, der Raum darüber in Firsthöhe des Langhauses überdacht, so daß Süd- und Nordturm optisch zu einem Riegelturm mit zwei Turmspitzen verschmolzen wären, wie an der Stralsunder Nikolaikirche, vor allem aber der Marienkirche in Stargard und dem Dom von Kolberg in denselben Jahrzehnten. Das ist an der Zahnung für eine Fassade zu sehen, die oberhalb des heutigen Vorhallendaches an der Nordwand des verstärkten Turmes bis genau zur Verlängerung des Langhausdaches hochführt.

Die Außenansicht des Turmes ist in fünf Geschosse durch Kaffgesimse und Maßwerkfriese gegliedert. Besonders kraftvoll wirken die beiden besonders hohen vorletzten Geschosse, nach Süden und Westen in gleichmäßiger Reihung mit je drei Hochblenden ausgezeichnet. Diese greifen als doppelte Lanzettpaare mit Scheitelkreisen das Motiv der Ostgiebelblenden auf, aber ihre primitivere Ausführung läßt die spätere Entstehung erkennen. Kennzeichnend für die Bautechnik der Jahrzehnte gegen 1400 in der pommerschen Backsteingotik ist die "Stapelung" mehrerer Deckbogenschichten übereinander.

An der Nord- und Ostseite blieb man sparsamer. Hier finden wir eine Fünfer- bzw. drei Dreiergruppen von flachen Lanzettblenden, ein Motiv vom Turm der Rostocker Nikolaikirche.

Das Glockengeschoß schließlich erscheint vergröbert, simpel. Doch handelt es sich hier eben um Öffnungen, nicht um Blenden, und es mußten die verbleibenden Pfeiler zur Durchleitung der Kräfte aus Helm und Glockenstuhl besondere Festigkeit aufweisen. Solche firmitas, Stärke, läßt die Gestaltung tatsächlich erkennen.

- Zwei alte Fräulein sorgten sich um ihren Nachruhm. Da riet ihnen der Marienpfarrer, sie sollten doch vor ihrem Abscheiden der Kirche jede einen Turm stiften. Gesagt, getan – doch, wie die Zeit vergeht, als der Bau endlich in Gang kam, da reichte das Geld der beiden nurmehr für einen Turm. Er war kaum vollendet, als nächtens ein seltsamer Spuk begann: aus dem Turme waren zwei keifende Frauenstimmen zu hören. „Denn häv ick betohlt, dats min Turm!“ war zu vernehmen, darauf ein „Mok, dat du rutkümmst, dats min, ick ganz alleen häv denn betohlt!“ Es raubte den Bürgern den Schlaf, bis sich ein tüchtiger Nachtwächter ermannte, und richtig hoch oben die beiden zu Gesicht bekam – und sie ihn. Von Stund an konnten die Bürger wieder ruhig schlafen. Keine Ruhe aber fand - der Nachtwächter. (nach Rosemarie Fret) -

Im 15. Jahrhundert: Erweiterung des Chores

Auch in Anklam verlangte die stetig wachsende Zahl von Altarstiftungen, vielleicht verbunden mit neuen liturgischen Ansprüchen, nach einer Erweiterung des Chores. Anders aber als noch um 1300 in Greifswald bei Erweiterung des Saalchores von St. Marien, der ganz in der Halle aufging, anders auch als in brandenburgischen Städten, wo man die Saalchöre ganz durch neue Umgangschöre ersetzte, mochte man in Anklam den alten Chor nicht aufgeben. Daß hier bereits ein Gestühl für die Geistlichen errichtet war, wie es später tatsächlich bestand, und heute mit dem übertragenen Gestühl der Nikolaikirche vor Augen steht -, können wir nur vermuten. Ein festes Gestühl des Rates bestand 1443, dessen Ort wir aber nicht kennen, jedenfalls doch nicht im Chor. Vielleicht war es auch das Wissen um das hohe Alter dieses Baues, das den Ausschlag gab: kein Einzelfall im Spätmittelalter, das sich zunehmend historischer Dimensionen bewußt wurde.

Jedenfalls blieb der alte Chor inmitten eines neuen Umganges erhalten. Dessen Baufortschritt ist aus Baufugen an den Gebäudekanten ablesbar. Zunächst wurden Nord-, dann Nordost- und Ostmauer aufgeführt noch ganz ohne Strebepfeiler, als kristalline, flächige Architektur. Vielleicht hat man beim Beginn des Einwölbens aber festgestellt, daß keine ausreichende Festigkeit erreicht war. Jedenfalls wurden diese Kanten nachträglich und dann die Südost- und Südseite gleich mit Strebepfeilern versehen.

Man durchbrach für den südlichen Umgangsarm nicht nur die alte Sakristei des 13. Jahrhunderts, sondern auch einen eigenartigen jüngeren Anbau, der offenbar ein Unter- und ein spitztonnengewölbtes Obergeschoß besaß: ein "Ossarium", zur Sammlung der Knochen aus dem Friedhof (?) und legte südwärts, vor dem alten Chorsüdportal, ein neues Portal an, das aus grob zugehauenen Steinen besteht und seltsam altertümlich wirkt.

Nach Osten wurde der alte Chor aufgebrochen und um ein Joch verlängert, von sechsbahnigem Fenster mit Licht durchflutet (was heute infolge der dunkelfarbigen Verglasung nicht zur Geltung kommt). Zu beiden Seiten münden in diesen Chorscheitel, um schlanke Rundpfeiler herum, die abgeschrägten Seitengänge: ein Prozessionsweg? Der Hochaltar steht hier erhöht über einem flachen Gewölbekeller mit beiderseitigen Nischen, von Osten offen - vielleicht eine Darstellung des legendären Grabes Adams im Berge Golgatha. An der Ostwand finden sich gegenüber eine hohe und eine niedere Nische, deren Funktion unklar bleibt.

Unter dem großen Scheitelfenster ist hier außen eine rechteckige Nische mit glasierten Formsteinen eingefaßt, die vom Abbruch des alten Traufgesimses stammen. Vom alten Nordportal stammen die Formsteine um die neue Pforte nach Nordosten. Eine Pforte führt auch nach Südosten; sie zeigt dagegen zeitgenössische Formen. Eigentümlich ist auch das östlichste Wandfeld der Nordseite: dort wurde in der oberen Ecke eine Fläche wie ein Teppich aus gelben und roten Steinen in Zickzackmustern angelegt.

An den Innenwänden sind ringsum noch auf quadratischen Putzfeldern die Weihekreuze zu erkennen.

Anbau der Sakristei

Eine der letzten mittelalterlichen Baumaßnahmen war der Anbau einer neuen, nun doppelgeschossigen Sakristei auf der Südseite des Chorumganges. Über einem flach gewölbten Erdgeschoß (das Gewölbe später ausgebrochen), dessen Fenster heute vermauert sind, erhob sich die licht durchfensterte, hoch gewölbte "Garwekammer", zur Kirche hin durch einen weiten Spitzbogen einst ganz offen. Außen wird dieses Geschoß durch Blenden bis an die Gebäudeecken zusätzlich betont.

Vor 1488: die Marienkapelle

Zu Ende des 15. Jahrhunderts ist die Doppelturmplanung endlich aufgegeben. Nach dem Abbruch der schon ausgeführten Mauern des Nordturmes wurde, weitgehend aus den Abbruchsteinen, auf seinen Fundamenten stattdessen eine Kapelle errichtet. Sie schloß zunächst als zweischiffiger Saal über hohen Rundpfeilern an den Südturm an. Eine Bemalung aus seltsam vergrößerten Maßwerkmotiven schraubt sich um diese Pfeiler.

Das mittige Westportal führte anfangs direkt in diese Eingangshalle, die an die Westvorhallen anderer Kirchen, etwa an St. Marien in Greifswald erinnert, wo sie als Gerichtshallen zur Abhaltung des kirchlichen, des sog. "Send"-Gerichtes gedeutet werden. Das Gewölbejoch über der Zugangsachse ist durch Sterngewölbe besonders ausgezeichnet.

Doch hat man noch im Mittelalter nach der Reformation? - den Durchgang zur Kirche abgetrennt. Seither ist die Kapelle nur durch den alten Zugang des Turmes erreichbar, dessen abgeschlagene Ostmauer noch immer ihre Rückwand bildet.

Im Jahre 1488 stiftete das Ehepaar Krackwitz Gedenkmessen in der Marienkapelle, sie war demnach fertig. Vielleicht wurden auch die schon 1439 überlieferten "Marientiden" hier gesungen.

In der Kapelle ist heute die Marienfigur aufgestellt, die als einziges Stück des Hochaltars den letzten Krieg überdauerte.

Nach der Reformation

Wenige Jahre vor dem Aussterben des Greifenhauses gelang der Stadt Anklam 1633 der Erwerb des Patronates. Dieser Gewinn sollte bald zur Last werden: zur Baulast.

Im Jahre 1637 verbrannte der giebelgeschmückte mittelalterliche Turmhelm. Die Not der Zeit ließ nur einen reduzierten Wiederaufbau zu. Der Helm verbrannte erneut 1884. Den nun wieder steileren Turmhelm von 1887 traf eine Fliegerbombe 1943. Seit 1947 ist der Turm nur mit einem Satteldach quer überdeckt.

Sonst hat sich die Gestalt der Kirche seit dem ausgehenden Mittelalter kaum verändert. Das Elend der im Dreißigjährigen Kriege von den Kaiserlichen ausgeplünderten Stadt erlaubte keine Maßnahmen mehr. Vor allem die Nordseite erlitt Schäden beim vierwöchigen Bombardement der schwedischen Festungsstadt durch den Großen Kurfürsten 1676. Die angrenzende Bebauung ging ganz verloren, die Nordportale blieben seither vermauert.

In der ersten Zeit der Kirchenrestaurierungen, nach Inschrift 1847, wurden die Gewölbe umfassend restauriert, im Umgang fast ganz erneuert.

Den Zweiten Weltkrieg überstand St. Marien mit zahlreichen Einschüssen inmitten einer fast völlig zerstörten Stadt. Sie konnte so schon 1945-47 als eine der ersten kriegsgeschädigten Stadtkirchen des Landes wiederhergestellt werden.
 
 

historische Stadtansicht

Grundriss Saalprojekt

Saalchor

Bogenfries

Laibung

Laibung

Sakristeifassade

Langhausprojekt (1)

Östliches Nordportal

Ausschnitt Strebepfeiler

Langhausprojekt (2)

Langhausschiff

Langhaus-Westgiebel

Langhaus-Ostgiebel

Frauenstraße 1

Langhaus Pfeilreihe

Langhaus, Musterachse

Kapellen und Turm

Obere Turmgeschosse

Grundriss An-, Umbauten

Südportal

Chorgiebel

Im Chorumgang

Marienkapelle

Sterngewölbe

 
 
 
 

Besonderheiten

 
 
 
 
 
 

Nutzung

Nach wie vor dient die Kirche dem Gottesdienst. Die Marienkapelle ist als sog. Winterkirche eingerichtet, und die Sakristei als Konfirmandensaal. Die Gemeinde besitzt außerdem die 1953-55 errichtete Kreuzkirche an der Tuchowstraße in der Vorstadt, in der sich heute das kleine Flügelretabel aus der Marienkirche befindet. Dort wurde jüngst ein neues Gemeindezentrum gebaut.
 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

Die Marienkirche ist Eigentum der Evangelischen Kirchengemeinde Anklam in der Pommerschen Evangelischen Kirche.
 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Die Kirche sollte nur neu ausgemalt werden im Sommer 1936, als die hierfür zusammengetretenen Anklamer Malerfirmen eine überraschende Entdeckung machten: auf allen Pfeilern fanden sich vielfarbige Fresken in großformatigen Ornamenten, wie sie noch keiner gesehen hatte. Kirchenmaler Hoffmann wurde hinzugezogen und konnte eine vollflächige Freilegung und (lasierende) Ergänzung erreichen. Zu spät allerdings kam er für die bereits überstrichenen Gewölbe und Außenwände. So hat man 70 Jahre lang nur einen Teilaspekt einer der eigenwilligsten Raumgestaltungen der Backsteingotik wahrgenommen.

Die Instandsetzung 1945-47 galt nur den schwersten Kriegsschäden. Erst nach der Wende 1990 konnte erneut an eine grundsätzliche Restaurierung gedacht werden. Schwammbefall am Dachfuß nötigte dazu, mit Dachwerk und Dachdeckung zu beginnen, zunächst am Chor. Es blieb die bisher umfassendste Maßnahme, die erste überhaupt an einem der wenigen erhaltenen Hallenkirchendächer des Landes, und gleich am ältesten. Noch unerfahren in der Reparatur mittelalterlicher Konstruktionen, meinte man das Dach nicht im Bestand reparieren zu können. Die Entscheidung, Gebinde für Gebinde abzuheben und am Erdboden zu bearbeiten, ein seither nie wieder angewandtes Verfahren -, hat zu weitgehenden Verlusten auch völlig intakter Substanz geführt. So mußte dieser bedeutende Bau das Lehrgeld zahlen, das heute anderen Projekten zu gute kommt.

Bedauert wird auch, daß es hier nicht gelang, die schweren, handgestrichenen Biberziegel (überwiegend des 18./19. Jhs.) wiederzuverwenden, die bis in die 1990er Jahre das Bild der Marienkirche prägten. Um den gewaltigen Eindruck einer solchen historischen Dachdeckung noch einmal zu erleben, muß man heute weit fahren - etwa nach Brandenburg an der Havel, wo auf St. Gotthard in denselben Jahren Dachwerk und Dachdeckung einer großen Hallenkirche in vorbildlicher Weise restauriert wurden.

Dem Turm konnte mit lange entbehrtem Kupferblech zu einer neuen Deckung verholfen werden.

Während dieser Dacharbeiten entstand auf dem seit Jahrhunderten unbebauten, nordwärts angrenzenden "Pferdemarkt" der klobige Neubau der Sparkasse. Um dort, auf einer verfüllten Peenebucht, überhaupt bauen zu können, mußte das Grundwasser metertief abgesenkt werden. Das konnte nicht ohne Auswirkungen auf die fragile Statik der Kirche bleiben. Mit Sorge wurden die Risse in den Gewölben beobachtet. In den Jahren 1998-2003 mußten die Mittel darauf konzentriert werden, vor allem die gefährdeten Eckräume im Nordosten und Nordwesten durch Einziehen von Ankern und Gewölbekonsolidierung zu sichern, Schritt um Schritt dann die ganze Gewölbezone. Bis 2006 folgte eine Instandsetzung des Außenmauerwerks, am Turm, auf der Nord- und zuletzt auf der Südseite.

Die Sicherung der Gewölbe wurde zum Anlaß genommen, nach früheren Farbfassungen zu forschen. Es ergaben sich nicht nur die erwarteten Bordüren, sondern der überraschende Befund einstiger Zierscheiben an den Rippen und in den Kappen des Mittelschiffes, wie sie heute nur noch in der mecklenburgischen Dorfkirche Mestlin im Original zu sehen sind. Im Jahre 2000 wurde eine halbe Pfeilerachse auf der Nordseite als Muster einer zukünftigen Gesamtrestaurierung des Innenraumes erarbeitet, einschließlich der Nachbildung solcher Scheiben (Ornament frei entworfen). Seither wartet die Gemeinde auf den Spender, der ihr die Wiederherstellung dieser brillanten Farbgestaltung finanziert.
 
 
 
 
 
 

Heritage Management

Übliche Öffnungszeiten im Sommerhalbjahr, soweit die Gemeinde eine Aufsicht stellen kann. Daß es sich um eine der bedeutendsten Kirchen der Backsteingotik handelt, ist kaum bekannt, die Zahl der Besucher bisher überschaubar. In den Sommermonaten finden wöchentlich Konzerte statt (derzeit jeweils dienstags).

(Autor: Dipl. Ing. Jens Christian Holst)
 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

Rosemarie Fret: Anklam. Innenansichten. Rostock 1991
Norbert Buske: Kirchen in Anklam. Schwerin 1996