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Rathaus, Parchim (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Zur Stadtgeschichte:
Im Jahre 1226 wurde die Altstadt, die sich aus einer Kaufmannssiedlung bei einer 1170 erstmals urkundlich genannten, an einem Eldeübergang gelegenen Burg entwickelt hatte, von Fürst Heinrich Borwin II. in ihren Rechten bestätigt.

Das Parchimer Recht wurde später von den Städten Sternberg und Plau übernommen. Schon 1282 wurden die Altstadt mit der westlich davon gelegene Neustadt um die St. Marienkirche vereinigt und zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Stadtareal von einem gemeinsamen Mauerring umschlossen. Die bei Dömitz in die Elbe mündende Elde war nicht nur Handelsweg, sondern sie trieb auch die Mühlen der Stadt an und war somit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Parchims.
Auf dem Eldewerder zwischen der Altstadt im Osten und der Neustadt im Westen lag ein 1246 erstmals erwähntes Bettelordenskloster der Franziskaner. Schon zur Zeit des Parchimer Chronisten Michael Cordesio war es „nichts als ein wüster Platz nebenst etlichen Stein-Hauffen / genannt Münchehoff / zwischen dem daselbst getheilten Eldenstrom gelegen...“

An andere Kirchenbauten in Parchim erinnern nur noch Straßennahmen oder alte Stadtansichten. Südwestlich von St. Georgen stand die zwölfeckige Heilig-Blut-Kapelle, die einst zahlreiche Pilger anzog.

Unter den mecklenburgischen Landstädten war Parchim die bedeutendste und wirtschaftlich stärkste und führte ab 1708 den ihrer Rolle entsprechenden Titel „Vorderstadt“. Heute hat die 19 600 Einwohner zählende Stadt Versorgungsfunktion für einen Einzugsbereich von circa 80 000 Menschen und ist Technologiezentrum mit den Bereichen Präzisionsmaschinenbau und Medizintechnik.

Auch heute noch herrscht reges Markttreiben um das Parchimer Rathaus – eine Besonderheit Parchims sind die vielen reizvollen kleinen Plätze – der Alte Markt, Schuhmarkt, Ziegenmarkt und der Neue Markt.

Zur Geschichte des Rathauses:
Das den archäologischen Befunden, die während der Rathaussanierung zu Tage gefördert wurden, Ausgang des 13. / zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtete Rathaus erfuhr bei der Umgestaltung zum Oberappelationsgericht in den Jahren 1818/19 unter Federführung des Baumeisters Johann Georg Barca (1781-1826) tiefgreifende Veränderungen. Johann Georg Barca, Sohn eines herzoglichen Oberbaudirektors, erwarb sein Wissen auf Studienreisen nach Berlin, Wien Italien und Frankreich. Seit 1809 hatte er das Amt eines mecklenburgischen Hofbaumeisters inne und zeichnete vor allem für Bauten in der neuen Residenz Ludwigslust und die Leitung der dortigen Kartonagenfabrik verantwortlich. Daneben baute er auch die Rathäuser in Wismar und Ribnitz im klassizistischen Stil um.
Bereits vor dem Umbau durch Johann Georg Barca mussten im Jahre 1808 die repräsentativen Schaugiebel auf der Nordostseite des Rathauses wegen Baufälligkeit abgebrochen werden. In der Laube auf der Norostseite befand sich ursprünglich der Hauptzugang, der von Barca dann auf die Längsseite im Nordwesten am Schuhmarkt, gegenüber der Georgenkirche verlegt wurde. Das alte Aussehen des Rathauses ist auf einer Rekonstruktionszeichnung Gerhard Hoeppners von 1928 zu sehen, die sich u.a. auf die alte Stadtansicht von 1728 stützt, die im Museum aufbewahrt wird. Ebenfalls im Museum hängt ein 1979 nach dieser Rekonstruktionszeichnung entstandenes Gemälde von Rademacher.

In der nach drei Seiten offenen Laube wurde im Mittelalter das Niedergericht abgehalten. Ansonsten diente das Erdgeschoss in mittelalterlicher Zeit als Kaufhaus und war Standort der Ratswaage. Bedeutsam für diese Funktion für den Handel in und um das mittelalterliche Rathaus ist seine Lage innerhalb des Stadtgefüges. Verbindungen führten zu den Stadttoren: dem Neuen Tor, dem Wockerntor und dem Kreuztor. Die vom Alten Markt ausgehende Mittelstraße führt in die östlichen Stadtbereiche. Nach 1370 hatten die Wandschneider im Rathaus ihre Verkaufsstände. Es diente also auch dem Tuchhandel.

Im Ratssaal im Obergeschoss wurden Festlichkeiten begangen, Hochzeiten gefeiert, und es war Tagungsort des Hochgerichtes.
Von 1667 bis 1708 war das Parchimer Rathaus Sitz des Mecklenburgischen Landes- und Hofgerichtes. Daneben diente eine „Ratsbude“ Verwaltungsfunktionen, die 1612 dem großen Stadtbrand zum Opfer fiel, 1669 aber neu errichtet worden war. 1813 wurde im Rathaus ein Proviantmagazin für Truppen eingerichtet.
 
 

Hübbeplan

Stadtansicht 17. Jh.

Rathaus

Gemälde 1979

 
 
 
 

Besonderheiten

Das Parchimer Rathaus ist eines der wenigen Rathäuser in Mecklenburg, an denen im Äußeren weitgehend die mittelalterliche Bausubstanz sichtbar blieb. Gleichzeitig ist es ein Denkmal schöpferischer Umgestaltung durch den mecklenburgischen Hofbaumeister Johann Georg Barca. Den Hauptzugang zum Rathaus, der sich ursprünglich in einer offenen Laube an der Giebelseite zum Alten Markt befand, verlegte Barca auf die der St. Georgenkirche zugewandte Nordwestseite des Gebäudes zum Schuhmarkt hin. Das mittige Portal in dem 15 Fensterachsen langen Baukörper wird durch kolossale vorgeblendete hell verputzte Halbsäulen betont, die ein Giebelfeld mit durchsteckten Spitzbogen tragen und der Fassade einen repräsentativen Charakter verleihen. Große auf dem Giebel lagernde Kugeln schaffen einen zusätzlichen Akzent. Eine neue vorgelegte Rampe ermöglicht den behindertengerechten Zugang zum Rathaus. Die Halbsäulen, deren Schäfte sich nach oben verjüngen, rahmen die drei mittleren Fensterachsen. Die Basen der Säulen befinden sich in Höhe der Sohlbänke der Erdgeschossfenster und die Kapitelle in Höhe der Bogenansätze der Fenster des zweiten Obergeschosses. Die geschwungenen Palmettenkapitelle, aus denen die scharf kannelierten Sandsteinbögen der Giebelgliederung wachsen, muten ägyptisierend an. Die Sprossengliederung der grün abgesetzten Fenster nimmt die Gliederung des Giebelfeldes auf, so dass sich das Motiv der durchsteckten Spitzbögen um den ganzen Bau zieht. Der gotische Spitzbogen wird Ihnen auch als modernes Logo auf Broschüren der Stadt begegnen. Parchim wählte bewusst das Erbe seiner Backsteinbauten als Markenzeichen.

Das über dem Hauptportal angebrachte Stadtwappen zeigt einen schwarzen gekrönten Stierkopf im rotem Schild. Die Hörner des Stieres werden von goldenen Binden umwunden, und zwischen den Hörnern wächst aus der Krone ein goldenes Hirschgeweih mit vierendigen Stangen. Beseitet wird der Stierkopf von zwei goldenen sechszackigen Sternen in Höhe des Kronreifs und zwei grünen Kleeblattstängeln darunter.

Belebt wird die Fassade durch zwei umlaufende weiß geschlemmte Bänder mit aufgemalten rekonstruierten Ornamentfriesen. Aufgelegte Lichter und Schatten imitieren Backsteinmaßwerk.
Johann Georg Barca zog bei seinem Umbau zwischen Erd- und Obergeschoss ein Zwischengeschoß ein und verlängerte zu dessen Belichtung die Bahnen der Erdgeschossfenster nach oben. Dadurch hat das Zwischengeschoss nur niedrige Fenster.
Der neue Nordostgiebel wurde dem Stufengiebel der Südwestseite nachgebildet. Der dreifach gestufte Giebel der Südwestseite wird von hell geputzten Zwillingsblenden mit darüber liegender Kreisblende belebt.

Im Innern des Gebäudes kann der zweischiffige gewölbte Ratskeller besichtigt werden. Die Kellergewölbe ruhen auf gedrungenen massigen achteckigen Pfeilern mit einem Wechsel von dunkel glasierten und unglasierten Steinen. Die breiten Bandrippen der Gewölbe haben abgefaste Kanten. Ein historisches Foto im Bestand des Museums der Stadt Parchim zeigt noch den von einer nahe gelegenen Weinhandlung als Weinkeller genutzten Raum. Archäologische Untersuchungen während der Rathaussanierung erbrachten Befunde wie Tonpfeifenköpfe und Scherben von Flaschen und Trinkgläsern, die für eine Nutzung des Raumes als Schenke im 19. Jahrhundert sprechen. Seit der Gebäudesanierung steht der Gewölbekeller einer vielfältigen Nutzung als Versammlungs- und Veranstaltungsraum offen.
 
 

Rathausportal

Palmettenkapitell

Rathausfenster

Stadtwappen

Fries

 
 
 
 

Nutzung

 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Bei einer Bestandsaufnahme 1991 wurden erhebliche Bauschäden und Mängel an der Bausubstanz des Rathauses festgestellt. Die Dachkonstruktion und die Fassaden wiesen Schäden durch Witterungseinflüsse auf. Das Mauerwerk im Kellerbereich war stark versalzt und wegen aufsteigender Feuchtigkeit der Raum kaum nutzbar. Die Fenster gewährleisteten keine ausreichende Wärmedämmung und die Haustechnik war stark veraltet.
1992 bot sich mit der Erweiterung des Sanierungsgebietes östliche Altstadt die Chance, das Rathaus in das Städtebauförderungsprogramm mit aufzunehmen und es wurden entsprechende Nutzungskonzepte erarbeitet.
Ein ursprüngliches Konzept sah im Keller und im südlichen Teil des Erdgeschosses den Einbau einer gastronomischen Einrichtung vor, die an einen privaten Betreiber verpachtet werden sollte. Der nördliche Teil des Erdgeschosses sollte von der Stadtinformation und für Ausstellungen genutzt werden. Die Obergeschosse waren für Tagungssaal, Trauzimmer und repräsentative Räume des Bürgermeisters und der Stadtpräsidentin vorgesehen.
Bei dieser Nutzungsvariante ging man davon aus, dass die zentrale Verwaltung in ein dafür ausgebautes Kasernengebäude in der Regimentsvorstadt umziehen würde.
Die Bedingungen für die Förderfähigkeit stellten dieses Nutzungskonzept 1993 in Frage.

1994 wurde von einem Architekturbüro die Bestandsaufnahme abgeschlossen und ein Modernisierungskonzept vorgelegt.
Grundlage für die Sanierungskonzepte war der von Barca geschaffene Umbau, der im Wesentlichen beibehalten werden sollte.
1995 wurden auf Grund neuer Zielstellungen, die eine Nutzung der Räume für die Verwaltung vorsahen, um die Förderfähigkeit nicht zu gefährden, neue Entwürfe erarbeitet. Begonnen wurde mit der Dachsanierung noch während der laufenden Nutzung des Gebäudes. Wegen Schwammbefalls mussten sämtliche Sparrenfußpunkte saniert werden. Es erfolgte eine Neueindeckung mit Biberschwanzziegeln. Die teilweise noch aus der Zeit des Barca-Umbaus erhaltenen Ziegel konnten leider wegen ihres schlechten Zustandes nicht erneut verwendet werden.

In einem zweiten Bauabschnitt erfolgte die Fassadensanierung. Die Maßwerkmalerei der umlaufenden Putzbänder wurde nach den historischen Befunden rekonstruiert. Im Herbst 1996 konnte die Sanierung des nördlichen Teilbereiches abgeschlossen werden. Im Inneren war eine umfassende Schwammsanierung notwendig und es mussten die asbestbehafteten alten Nachtspeicheröfen entsorgt werden.

In einem dritten Bauabschnitt erfolgte u.a. eine Tieferlegung des Kellers auf das ursprüngliche Niveau sowie eine Erweiterung der Kellerbereiche, um den Einbau von WC´s, einer kleinen Küche und eines Aufzuges zu ermöglichen. Als äußerst problematisch erwiesen sich Unterfangarbeiten an den alten Fundamenten, die von Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege begleitet wurden. Untersuchungen im südwestlichen Gebäudebereich, der für die Kellererweiterung teilweise bis zu 5 m tief ausgeschachtet wurde, ergaben an Hand der dort gemachten Keramikfunde eine spätslawisch/frühdeutsche Siedlungskontinuität im Rathausbereich.
In einem 4. Bauabschnitt erfolgte der Innenausbau einschließlich der Aufarbeitung der Treppenanlage aus der Zeit des Barcaschen Umbaus und der Anbau einer Rampe für einen behindertengerechten Zugang vor dem Hauptportal an der Seite zum Schuhmarkt. Im Bereich der alten Rathauslaube auf der Nordostseite wurde durch die Herausnahme der von Barca eingezogenen Decke in einem Teilbereich die ursprüngliche Raumhöhe des Erdgeschosses verdeutlicht. Im Foyer erfolgte der Einbau einer modernen Stahl/Glas-Konstruktion. Weitere Details zu den Sanierungsmaßnahmen können Sie der Broschüre „Information zur Rathaussanierung“ entnehmen.
 
 

Fries

Rathausgiebel

Ratskeller

Pfeiler

Gewölbeansätze

historische Aufnahme

Bestuhlung

 
 
 
 

Heritage Management

 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis