Seite drucken

Pfarrkirche St. Georgen zu Parchim (Deutschland)

 
 
 
 
 

Objektgeschichte

Die Pfarrkirche der Parchimer Altstadt, in unmittelbarer Nähe zum Rathaus, wirkt auf den ersten Blick wie ein gewaltiger Kubus. Aus dem mächtigen Hallendach des 60 m langen Baus ragt ein über 48 m hoher, annähernd quadratischer Turm von etwa 10 m Kantenlänge mit einem niedrigen Satteldach, das zu der massigen, etwas gedrückten Erscheinung des spätmittelalterlichen Hallenbaus beiträgt. Aufgelockert wird der Baukörper durch die repräsentativen Schmuckgiebel der querschiffartigen Kapellenanbauten auf der Nord- und auf der zum Rathaus weisenden Südseite. Die Stufengiebel mit hell verputzten Blenden tragen Maßwerkdekor aus glasierten Formsteinen.

St. Georgen ist die Pfarrkirche der 1226 von Heinrich Borwin II. in ihren Rechten bestätigten Altstadt, die sich aus einer Kaufmannssiedlung bei einer 1170 erstmals urkundlich genannten, an einem Eldeübergang gelegenen Burg entwickelt hatte.
Ein Stadtbrand zerstörte 1288 oder 1289 einen Teil der Altstadt mit St. Georgen. Ein päpstlicher Ablassbrief von 1289 unterstützte den Wiederaufbau der Kirche. Im heutigen Bau stecken noch Reste der damals abgebrannten Kirche, einer dreischiffigen spätromanischen Basilika. Man entdeckt solche älteren Bauglieder im südlichen Bereich der Westfassade und auch im Innern am von den Seitenschiffen aus sichtbaren Turmunterbau. Aber auch Feuersbrünste in späterer Zeit haben Spuren am Bau hinterlassen und ihn verändert. Große Stadtbrände, denen viele Häuser zum Opfer fielen, gab es 1586 und 1612. Der am 14. Mai 1612 im Haus der Witwe eines Gewürz-Kramers ausgebrochene Brand verheerte „auch die schöne und mit Kupffer bedeckte Spitze auff der St. Georgii Kirchen mit 7. herrl. Glocken im Thurm; denn ferner den übrigen Theil der Stadt von St. Georgii Kirchhofe an, biß zum Neuen Thor / und von dannen wieder sich wendend biß zum Creutz Thor / alle Häuser / Wohnungen / Mühlen und Brücken der Stadt ganz grausam in gar weniger Zeit / und fast innerhalb dreyen Stunden (...) / also dass in diesem Brande / nebst dem schönen Kirchthurm auff der alten Stadt 58 und auff der Neustadt 173 Wohnhäuser darauff gegangen sind.“ So schildert es der Prediger an der St. Georgenkirche Michael Cordesio in seiner 1670 erschienenen Historischen Beschreibung der Stadt Parchim.
Eine Stadtansicht aus dem Jahre 1728 zeigt die St. Georgenkirche noch mit einem stattlichen auf dem First sitzenden Dachreiter mit offener Laterne und barocker Zwiebel. Auf dieser Ansicht Parchims von Norden ist auch noch das hohe Dach der 1798 abgerissenen Heilig-Blut-Kapelle zu sehen.

Der Außenbau der St. Georgenkirche wird durch nur mäßig aus der Wand hervortretende abgetreppte Strebepfeiler gegliedert, die den Gewölbeschub auffangen. Die Wände sitzen auf einem niedrigen Sockel von Granitquadern mit abgefaster Kante. Über einem um die Strebepfeiler laufenden Kaffgesims setzen die relativ breiten drei- und vierbahnigen Fenster an, deren Gewände dreifach gestuft sind. Die Chorpartie weist drei stark verschliffene Polygone auf. Zu diesem vereinheitlichten Bild trägt wesentlich die Lösung des Dachansatzes über den Chorkapellen bei, wie wir sie ähnlich in Schwerin, Doberan und Bützow finden. Die Rücksprünge des Polygons werden oben von Flachbogen überbrückt, auf denen das Dach aufliegt. Die flachen Bögen werden zusätzlich durch in die rückspringenden Ecken eingestellte Strebepfeiler getragen.
Heute betritt man die Georgenkirche in der Regel durch das westlich, in Höhe des Turmjochs liegende Nordportal gegenüber der Kirchenkreisverwaltung. Am vierfach gestuften Gewände des Portals wechseln Kehlen und Fasen, die in der Kämpferzone durch dreieckige Kapitälchen unterbrochen werden. Die neugotischen Türflügel stammen aus der Zeit der umfassenden Umgestaltung der Kirche durch Gotthilf Ludwig Möckel (1838 – 1915) ab 1897. Der aus Sachsen stammende Gotthilf Ludwig Möckel war seit 1884 Leiter des mecklenburgischen Kirchenbauwesens. Das zugesetzte Portal im östlichen Bereich der Nordwand weist die gleichen Gewändeformen auf, wie das westliche. Der nördliche Anbau ist im Gegensatz zum südlichen nur von Innen zu betreten. Der untere, zum Kirchenschiff hin abgeschlossene Raum des zweigeschossigen Anbaus diente als Sakristei, der obere Raum dient heute als Archiv.
Die Portale der zum Rathaus weisenden Südseite der Kirche sind aufwändiger gestaltet. Das westliche Portal ist weiter nach Osten versetzt, als das auf der Nordseite, während die später zugesetzten beiden östlichen Portale zum Kirchenschiff in einer Achse liegen. Im Gewände des westlichen Portals wechseln die Kanten mit in die Ecken eingestellten Rundstäben und der Kämpfer wird von einer gedrückten Platte gebildet. Das Gewände des östlichen Südportals zeichnet sich durch einen Wechsel glasierter und unglasierter Steine aus. Ein drittes Portal auf der Südseite mit einem aufwändig gestalteten Gewände führt in den zweigeschossigen Anbau. Besonders im unteren Bereich um dieses Portals und neben dem Westportal finden sich zahlreiche in den Backstein gekratzte Mulden, die auf die Entnahme von Ziegelmehl deuten. Von dem Ziegelmehl erhofften sich Pilger und Einheimische wohl heilkräftige Wirkung. Kaum an einem anderen Bau finden wir so viele dieser Zeugnisse mittelalterlichen Wunderglaubens. Das Ziegelmehl des geweihten Bauwerkes muss als besonders heilkräftig gegolten haben.

Die Westfassade weist Unregelmäßigkeiten und Baunähte auf, die von Umbauten zeugen. Das mittige Portal wird von einem hohen, oben durch eine spätere Aufmauerung in flachem Ziegelformat gestörten Bogen gerahmt. In diesem Bogen sitzt über dem Portal eine Dreiergruppe von einem Lanzettfenster und zwei ebenso geformten niedrigeren Blenden. Ursprünglich lag die Sohlbank des Fensters wohl auf Höhe der seitlichen Blenden – die vier Steinschichten unter dem Fenster sind erneuert. Außerhalb des Bogens wechseln reine Läufer- mit Binderschichten. Der Sockel aus Granitquadern mit oben abgefaster Kante ist im mittleren Bereich der Westfassade niedriger und markiert eine Baunaht. Im südlichen Bereich der Westwand ist über einer Nische der an einer Lisene ansetzende Rest eines Rundbogenfrieses des spätromanischen Vorgängerbaus erhalten. Die Verzahnung für einen geplanten vorgesetzten Turm der romanischen Basilika wurde nachträglich abgeschlagen. Der nur sparsam durch Blenden und Luken gegliederte jetzige Turm macht einen trutzigen Eindruck, der auch durch das relativ niedrige Satteldach gestützt wird.
Unterhalb des Zifferblattes der Turmuhr auf der Westseite bilden Eisenanker die Jahreszahl 1754.

Das Innere der Georgenkirche empfängt den Besucher als weiter Hallenraum, dessen vierjochiges Kirchenschiff nur wenig länger als breit ist. Die drei Schiffe werden von reich profilierten Arkadenbögen getrennt, die einen sehr schönen Kontrast zu den glatten Flächen der vier Achteckpfeiler im östlichen Kirchenschiff bilden. Das westliche Freipfeilerpaar wurde auf quadratischem Grundriss mit Rechteckvorlagen und abgefasten Kanten errichtet.
Die Kreuzrippengewölbe wachsen aus gedrückten profilierten Kämpfern, die farblich durch einen Grauton von der Backsteinfarbe der Pfeiler, Gewölberippen und Arkadenbögen abgesetzt sind. Die Farbigkeit des Innenraumes geht auf die Möckelsche Renovierung ab 1897 zurück. Im Laufe von über 100 Jahren sind insbesondere die hellen Gewölbekappen unansehnlich geworden. Putz und Farbe haben durch Feuchtigkeit und sicherlich auch durch den Ruß von Gaslampen sehr gelitten, und eine Renovierung der Gewölbe, wie bereits im Joch über der Orgel begonnen, würde den Raum entschieden aufwerten. Der florale Dekor der Gewölbekappen ist typisch für die Zeit der Neugotik. Die Rippen werden von unterschiedlich breiten Strichen begleitet, aus denen Blätter und Krabben wachsen. Aus den Ecken der Gewölbezwickel entwickeln sich lilienartige florale Motive. Die Flächen der Arkadenbögen des Binnenchores werden von wellenförmige Blattranken belebt. Die Ornamente sind in den Farben Rotbraun und Blaugrau gehalten.
Von der ursprünglichen Ausmalung der Kirche blieben nur einige wenige, stark übergangene Reste erhalten. In den Zwickeln des Gewölbes nördlich des Turmmassives sind es groteske, die Zungen herausstreckende Männerköpfe, die möglicherweise auf an dieser Stelle erhaltene Befunde zurückgehen. In diesem Gewölbe werden die Birnstabrippen im Gegensatz zur übrigen Kirche auch von in Rot aufgemalten gotischen Krabben mit kleeblattförmigen Endungen begleitet, die vermutlich auf den ursprünglichen Bestand zurückzuführen sind. Stark übergangen sind auch die ganzfigurigen Darstellungen der Kirchenväter Ambrosius und Gregor an den Westseiten der südlichen Pfeiler des Binnenchores.
Deutlich sind besonders in der Südwestecke neben dem Turmmassiv Spuren des spätromanischen Vorgängerbaues ablesbar. In der Nordwestecke ist im südlichen Turmnebenraum der Gewölbeansatz des Seitenschiffes der Basilika zu sehen. An der Südwand des inneren Turmmassivs ist unterhalb des Gewölbes ein romanischer Rundbogenfries sichtbar, der die Außenwand der Basilika schmückte. Analog dazu findet sich auf der gegenüberliegenden nördlichen Turmseite ein Sägezahnfries über einem Klötzchenfries. Eine Putzkartusche darunter nennt die Jahreszahl 1706. Vermutlich fanden in dieser Zeit Bauarbeiten in diesem Bereich statt.
 
 

von Südost

Wimperg

Hübbeplan

Rundbogenfries

Ansicht 1728

Näpfchen

Westportal

Turm von Westen

Kircheninnenraum

Kapitellzone

Baubefund

Turmnordwand innen

 
 
 
 

Besonderheiten

Friese-Orgel von 1871:
Die neugotische Orgelempore öffnet sich in drei spitzbogigen Arkaden zum Mittelschiff. Das Instrument in neugotischem Prospekt ist eines der größten Werke des berühmten und geschätzten Schweriner Orgelbaumeisters Friedrich Friese (III) (1827-1896), der zwischen 1855 und 1896 ca. 110 Orgeln schuf. Nicht von ungefähr ist die Parchimer Georgenkirche der Aufmacher in dem Buch „Orgeln in Mecklenburg-Vorpommern, Für die Zukunft gerettet“ von Matthias Gretzschel. Dort wird berichtet, wie die stark gefährdete Orgel, „ein Glanzstück unter den historischen Orgeln in Mecklenburg“, von 1998 bis 2001 von Kristian Wegscheider aus Dresden und Andreas Arnold aus Plau mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung restauriert wurde. (siehe auch unter Restaurierungsprozeß) Engagiert hatte sich ein eigens dafür gegründeter „Förderverein Friese-Orgel St. Georgenkirche Parchim e.V.“.

Friedrich Ludwig Theodor Friese (Friese III) hatte sein Handwerk in der Schweriner Werkstatt seines Vaters Friedrich Matthias Theodor Friese (Friese II) gelernt und sich dann bei Carl August Buchholz in Berlin und bei Aristide Cavaillé-Coll in Paris weitergebildet, bevor er 1856 die väterliche Werkstatt übernahm. 1873 wurde Friese (III) von Großherzog Friedrich Franz II zum Hoforgelbauer ernannt.

Epitaph von 1727:
Betritt man die Kirche durch das Nordportal fällt der Blick zuerst auf ein Barockepitaph an der Wand gegenüber dem Eingang. Gestiftet wurde es 1727 von der Bürgermeisterstochter Anna Elisabeth Schwassmann zum Andenken an ihre Eltern. Während unten ein geflügelter und lorbeerbekränzter Totenschädel grinst, zeigt es oben in der von Akanthuslaub gerahmten Lünette die Verheißung der idealen Himmelsstadt auf quadratischem Grundriß mit drei Toren an jeder Seite, auf denen Engelfiguren stehen. Die Inschrift darüber lautet „Diß ist das Neue Jerusalem, die Stadt Gottes. Apoc: 21. Cap“. Im Zentrum des Epitaphs steht die Auferstehung der Toten nach Ezechiel, 37. Cap. V. 9: „So spricht der Herr Herr Wind komm herzu auf den vier Winden, und blase diese getödteten an, dass sie wieder lebendig werden.“ Unter der schaurigen Szene, die halbverweste Leichname und Gerippe aus den Gräbern steigend zeigt, steht „Diß verwesliche muß anziehen das unverwesliche. 1 Cor: 15 Cap V 53“

Der ehemalige Hochaltar der Georgenkirche:
eine Arbeit des Wismarer Malers Hennyngh Leptzow aus dem Jahre 1421

Besucht man die mittelalterlichen Kirchen auf der Route der Backsteingotik, trifft man in einigen noch auf die meist im 15. oder im frühen 16. Jahrhundert entstandenen wandelbaren mittelalterlichen Flügelaltäre – oder besser Altarretabel – d.h. Altaraufsätze. Die Parchimer St. Georgen Kirche besaß vor der Reformation allein 35 Nebenaltäre! Das waren Altäre einzelner Gewerke, einzelner reicher Patrizierfamilien oder Bruderschaften.

Erhalten sind die Überreste des Hochaltarretabels, das einst im hohen Chor der Kirche auf der Altarmensa stand. Dieses Werk ist kunstgeschichtlich von besonderer Bedeutung, denn während die Mehrzahl der mittelalterlichen Werke anonym auf uns gekommen ist, die Namen der Künstler, welche sie schufen, nicht überliefert sind, und wir die Arbeiten auch nur nach stilkritischen Vergleichen oder mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden datieren können, sind wir über die Entstehung des Parchimer Altars vergleichsweise gut informiert.

Der Archiv-Rat und Konservator Friedrich Lisch publizierte in den Jahrbüchern für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde im Jahre 1858 den Wortlaut einer Vertragsurkunde, die sich im Schweriner Archiv erhalten hatte. Leider war damals das Hochaltarretabel, das Friedrich Lisch im Jahre 1842 noch in alter Pracht gesehen hatte, bereits einer schwer in den Bestand eingreifenden Renovierung zum Opfer gefallen. 1844 entnahm man dem Schrein die geschnitzten Apostelfiguren und ordnete sie neben einem neuen Abendmahlsgemälde an. Die Flügel wurden abgenommen und beiseite gestellt. „Der schlichte, nur auf Redlichkeit und Gottesfurcht gegründete Kontrakt (...) steht (...) als ein wahrhaft anziehendes Dokument alter mecklenburgischer Einfachheit und Treue. Darum wäre es auch Pflicht gewesen, das Werk, zu dem dieser Kontrakt die Grundlage bildet, unangetastet stehen zu lassen.“ kritisierte schon Friedrich Schlie in seinem Inventar der Mecklenburgischen Bau- und Kunstdenkmäler.

Der Wismarer Henning Leptzow, der zur Ausführung des Werkes nach Parchim zog, erhielt nicht nur 210 Lübische Mark, sondern auch drei Fuder Brennholz und zwei Seiten Speck für sein Werk.
Inzwischen sind die 1844 abgenommenen Flügel des Altars nach ihrer fachgerechten Restaurierung durch Jenny Müller aus Dresden wieder am Mittelschrein montiert. Die umfangreiche Dokumentation zu dieser Restaurierung kann im Museum der Stadt eingesehen werden.

Die Skulpturen im Mittelschrein und in den Kastenflügeln des Altars verkörpern den „weichen Stil“ der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Reste der Tafelmalereien auf den Flügelaußenseiten wurden gesichert.

Christus auf dem kalten Stein:
„Christus auf dem kalten Stein“ auch „Christus in der Rast“, „Christus im Elend“ oder „Erbärmdebild“ ist ein aus dem Zyklus der Passion herausgelöstes wohl erst um 1400 entstandenes Andachtsbild, das Christus sitzend nach der Entkleidung unmittelbar vor der Kreuzigung zeigt. Die Bezeichnung „Schmerzensmann“ ist in diesem Falle nicht korrekt, denn er trägt noch nicht die Wundmale der Kreuzigung. Das Bild entstand in der mittelalterlichen Typologie als Analogie zum armen Job.

Auch ohne die mittelalterliche Farbfassung, die vermutlich im 19. Jahrhundert abgelaugt worden ist, vermag die Skulptur des versunken auf einem großen Stein sitzenden dornengekrönten Christus heute noch zu beeindrucken und zum Mitfühlen anzuregen. Überlegungen, das Bildwerk hätte ursprünglich im Mittelschrein des erhaltenen Hochaltarretabels gestanden, in die später ein Abendmahlsbild eingefügt wurde, sind nicht von der Hand zu weisen.

Triumphkreuzgruppe:
Hinter dem jetzigen neugotischen Hochaltar im Chor steht eine vom Umgang aus sichtbare sehr schöne spätmittelalterliche Triumphkreuzgruppe. Der stilistische Befund des Faltenwurfs der Gewänder der Figuren verweist etwa auf die Zeit um 1480. Der überlängt wirkende Oberkörper des Gekreuzigten könnte darauf deuten, dass der Corpus bewusst auf die starke Untersicht einer hoch im Gewölbe angebrachten Triumphkreuzgruppe hin gestaltet worden ist. Das Kreuz selbst, an dem der Körper angebracht ist, ist ein moderner Ersatz für das nicht erhaltene alte Triumphkreuz. Die Fassung müsste dringend untersucht, gereinigt und gesichert werden. Ursprünglich waren in die Dornenkrone lange, separat geschnitzte Stacheln eingesteckt.

Die Renaissancekanzel von 1580:
Friedrich Schlie nannte die 1580 von dem aus Parchim stammenden Lübecker Bürger Johannes Gransin und seiner Ehefrau gestiftete Kanzel „ein hervorragendes Schnitzwerk der Renaissance und ein echter Repräsentant ihrer vom Geiste des Humanismus erfüllten Zeit...“ Die Kanzel von St. Georgen mit ihren filigranen Schnitzereien gehört zu den prächtigsten und kunstvollsten Tischler- und Bildschnitzerarbeiten in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist bezeichnend für die Jahrzehnte nach Einführung der Reformation, das nun dem Ort der Verkündigung des Wortes solch große Aufmerksamkeit zuteil wurde.

In den architektonisch gegliederten Kanzelkorb sind bewegte vielfigurige Reliefs eingelassen. Dargestellt sind in den einzelnen Feldern die Geburt Christi, die Taufe im Jordan, das letzte Abendmahl, im Mittelfeld die Kreuzigung mit dem anbetenden Stifterpaar, dann Auferstehung, Himmelfahrt und Jüngstes Gericht. Spuren von Vergoldung, etwa am Kreuz, auf den Stifterwappen, an Engelflügel und Rüstungsteilen und dunkel gefärbte Stellen zum Beispiel auf dem Lendentuch Christi deuten darauf, dass die Reliefs einmal eine Teilfassung besaßen, wobei es sich bei den dunklen Partien möglicherweise um eine Verfärbung des Holzes durch das Anlegeöl der Vergoldung handelt. Wahrscheinlich wurde die Teilvergoldung der Kanzel bei der Möckelschen Restaurierung von 1897/98 bewusst entfernt, um eine „materialgerechte“ Holzsichtigkeit herzustellen.

Reich verziert mit Ornament und Figuren ist auch der polygonale Schalldeckel der Kanzel, der von einer kleinen stehenden Figur mit wehendem Umhang bekrönt wird. Es ist nicht, wie in der Literatur öfter angegeben, der Kirchenpatron St. Georg, sondern der triumphierende Christus. An den Ecken des Schalldeckels stehen über dem verkröpften Gesims die Personifizierungen von Tugenden wie der Nächstenliebe (Caritas) mit zwei unbekleideten Kindern, der Demut mit einem Lamm als Attribut, der Hoffnung (Spes) – vom „Hoffnungsanker“ in ihrer Hand ist nur noch der Ring erhalten. Groteske Köpfe zu Füßen der Tugendallegorien verkörpern vermutlich die von diesen überwundenen Laster. Die hinter den Standfiguren ansetzenden Strebebögen sind mit Löwenköpfen und Masken verziert. In den reich mit Renaissanceornamenten verzierten Feldern zwischen den Tugendallegorien erscheinen in runden Medaillons die Evangelisten mit ihren Symbolen: Matthäus mit dem Engel, Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier, und Johannes mit dem Adler bzw. an zentraler Stelle der Salvator.

Friedrich Schlie erwog eine Autorschaft des Lübecker Meisters Tönnies Evers, der auch die Kanzel in Neustadt schuf. Auf dem Schwert eines Kriegers im Auferstehungsrelief findet sich jedoch die Signatur PS, die möglicherweise dem Tischler bzw. Schnitzer der Kanzelreliefs zuzuordnen ist.

Das Ratsgestühl von 1608 und 1623:
Zur prächtigen Renaissanceausstattung der St. Georgenkirche gehört auch das Ratsgestühl im südlichen Seitenschiff. Wie am Schalldeckel der Kanzel ist auch die Brüstung des Ratsgestühls mit Tugendallegorien versehen, die einerseits die Eigenschaften der dort sitzenden Ratsherren preisen, andererseits diese aber auch dazu anhalten. Bezeichnet sind die Figuren als Sapientia (Weisheit), Benignitas (Güte), Liberalitas (Freigiebigkeit), Castitas (Keuschheit), Sobrietas (Besonnenheit), Humilitas (Demut), Sedulitas (Emsigkeit), Tacitulitas (Verschwiegenheit), Patientia (Geduld), Pax (Friede), Temperantia (Mäßigung) und Veritas (Wahrheit). In einem Inventar von 1811 wurden noch acht größere Gestühle und Emporen in der Kirche gezählt, das Ratsgestühl ist davon das einzig erhaltene, der Rest fiel wahrscheinlich der neugotischen Umgestaltung der Kirche zu Ende des 19. Jahrhunderts zum Opfer.

Das neugotische Retabel:
Auf dem Hochaltar der Georgenkirche steht heute ein aus der Zeit der Möckelschen Renovierung stammendes, von einer Kreuzigungsgruppe bekröntes reich verziertes neugotisches Retabel. Nur die Ornamente des ansonsten holzsichtigen Retabels sind teilweise vergoldet und Rücklagen blau ausgelegt. Im Zentrum steht im Mittelpunkt eines Kreuzes unter einem Wimperg, der das Kreuz Christi trägt, in einem rautenförmigen Rahmen das Opferlamm. Auch die vier Gestalten in der Arkadenzone darunter spielen genauso wie das Ornament auf den beiden seitlichen Feldern, das Ähren und Weinranken zeigt, auf das Opfer am Altar an.

Zu unrecht wird die neugotische Ausstattung bisher kaum beachtet und gewürdigt. Die Kreuzigungsgruppe, die das Retabel krönt, hat durchaus handwerkliche Qualität! Der Corpus des Gekreuzigten gleicht dem in Plöwen bei Löcknitz im Landkreis Uecker-Randow, der zweifellos aus der selben Werkstatt stammt.

Glasmalerei:
Die Glasmalereien der Chorumgangsfenster stammen vermutlich aus der Zeit der Möckelschen Renovierung von 1897/98. Es sind aufwändig gestaltete Teppichmuster und im Scheitelfenster in der oberen Rosette die Darstellung des thronenden Christus in der Herrlichkeit. Christus hält die Rechte segnend erhoben und in der Linken auf dem Schoß das aufgeschlagene Buch mit den Buchstaben Alpha und Omega, die Anfang und Ende bedeuten. Die Füße Christi stehen auf zwei ineinander verschlungenen geflügelten Ringen und umgeben wird er von einem kreisrunden Strahlenkranz, um den zwischen Blüten die Symbole der vier Evangelisten angeordnet sind: ein Engelkopf für Matthäus. ein Löwenkopf für Markus, ein Stierkopf für Lukas und ein Adlerkopf für Johannes den Evangelisten.
Ein rundes Fenster über dem Eingang im Westen zeigt eine Kreuzigung mit Maria und Johannes. Der viergenagelte Gekreuzigte ähnelt vom Typus dem geschnitzten über dem neugotischen Hochaltar. Im Unterschied zu diesem trägt er aber eine Dornenkrone.

Zur weiteren erwähnenswerten Ausstattung der St. Georgenkirche gehören die reich geschmückte steinerne Renaissancetaufe, die eine mittelalterliche Bronzetaufe ersetzte, ein Bildnis Luthers mit dem Schwan von Valentin Köser aus dem Jahre 1612, ein Tafelbild mit der Darstellung Georgs Drachenkampfes – St. Georg, im antiken Kostüm auf einem prächtigen Schimmel reitend, sticht die Lanze in das geflügelte Ungeheuer, eine weitere Georgsdarstellung zu Pferde findet sich als Reliefmedaillon auf dem Kriegerdenkmal im Chor, das moderne „St. Georgenfenster“ auf der Südseite von Klaus König, Berlin von 1985 sowie mehrere moderne Holzskulpturen.
 
 

Südgiebel

Mittelschiff

Epitaph

Hochaltar

Apostel

Mittelschrein

Christus

Triumphkreuz

Gericht

Schalldeckel

Ratsgestühl

Renaissancegestühl

Temperantia Detail

neugotisches Retabel

Weltenrichter

Westfenster

Georgsbild

Kriegerdenkmal

 
 
 
 

Nutzung

 
 
 
 
 
 

Eigentumsverhältnisse

 
 
 
 
 
 

Restaurierungsprozess

Zur Restaurierung der Friese (III) Orgel hatte sich 1996 der „Förderverein Friese-Orgel St. Georgenkirche Parchim e.V.“ gegründet, nachdem man sich in den Vorjahren vergeblich um Mittel für die dringend notwendigen Restaurierungsarbeiten bemüht hatte. Den 28 Gründungsmitgliedern gelang es schon in wenigen Monaten durch verschiedene Aktionen 7.600 DM aufzubringen. Im zweiten Jahr nach der Gründung waren schon 25.000 DM zusammen. Insgesamt brachte der Förderverein einen Eigenanteil von ca. 150.000 DM für die Orgelrestaurierung auf.

Im Jahre 2000 fand durch die Firma Ochsenfahrt/Lübeck die Sanierung des Gewölbejoches über der Orgel als Voraussetzung für die aufwändige Orgelrestaurierung statt, die im August des Jahres begann.

Unterstützt wurden die Arbeiten durch Zuschüsse des Landesamtes für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius/Hamburg, die allein 90.000 DM beisteuerte, der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs und nicht zuletzt der Stadt Parchim. 20.000 DM für die Restaurierung kamen von einer einzelnen anonymen Spenderin.

Am Reformationstag, dem 31. Oktober 2001 konnte die von den Firmen Kristian Wegscheider aus Dresden und Andreas Arnold aus Plau (Mecklenburger Orgelbau) gemeinsam restaurierte „Königin von Parchim“ mit einem festlichen Gottesdienst wiedereingeweiht werden.
Parallel zur Orgelrestaurierung erfolgte 2001 der Einbau einer modernen Winterkirche im westlichen Joch des südlichen Seitenschiffes und die Installation einer Heizungsanlage. Im Jahre 2001 musste die letzte klingende Glocke von St. Georgen aus dem Jahre 1613 wegen eines Risses stillgelegt werden. Am 28. November 2002 wurde der „Förderverein Glockenanlage St. Georgenkirche Parchim e.V.“ gegründet. Ziel des Fördervereins war die Reparatur der beiden vorhandenen Glocken und die Anschaffung neuer Glocken zur Vervollständigung des Geläuts. Bis Februar 2007 brachte der Förderverein 170.000 Euro zusammen.

In Parchim hat man bereits gute Erfahrungen mit der Arbeit des Fördervereins zur Restaurierung der Friese-Orgel gesammelt.
Am 24. Juni 2007 wurden die von der Firma Bachert / Heilbronn gegossenen neuen Glocken durch Landessuperintendent Dirk Sauermann in Parchim festlich geweiht.
 
 

Frieseorgel

 
 
 
 

Heritage Management

Erreichbar ist der Förderverein über die unten genannte Adresse der Kirchengemeinde, wo auch eine CD mit dem Mitschnitt eines Benefizkonzertes vom 12. November 2005 (Johannes Brahms, Fest- und Gedenksprüche op. 109, Ein Deutsches Requiem, op. 45) zu Gunsten der Glocken an St. Georgen von Chor & Capella vocalis an St. Johannis Bremen-Arbergen bezogen werden kann.

Konto des Fördervereins:
Kto.Nr. 618993
BLZ 14091464
VR-Bank e.G. Parchim
 
 
 
 
 
 

Literaturverzeichnis

Cordesio, M. Michaele:
Chronicon Parchimense oder Historische Beschreibung der Stadt Parchim im Herzogthum Mecklenburg..., Nachdruck der Ausgabe Rostock Anno 1670 anlässlich der 825jährigen Ersterwähnung der Burg Parchim hrsg. vom Kulturamt der Stadt Parchim

Lisch, Georg Christian Friedrich: Der Hochaltar der S. Georgen-Kirche zu Parchim.-
in: Jbb. des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde.- Bd. 23 (1858), S. 364-376

Schlie, Friedrich:
Die Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin, Bd. IV, S. 420-464

Kühl, Fritz:
Parchims Bau- und Kunstdenkmale.-
1961

Ende, Horst:
Die Georgenkirche und die Marienkirche in Parchim.-
Berlin: Union, 1985
(Das christliche Denkmal, Heft 126)

Dehio, Georg:
Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Mecklenburg-Vorpommern.-
Bearb. von Hans-Christian Feldmann.-
München; Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2000, S. 390-392

Festschrift zur Orgelweihe der Friese-Orgel
St. Georgenkirche Parchim im Oktober 2001 / hrsg. von der Kirchengemeinde St. Georgen Parchim i.A. Kantor Fritz Abs und Pastor Friedrich Weise